Entdeckungsreisen ans Ende der Kunst

Dieser Text hing seit November am Haken. Im Prinzip geht es dabei um den schönen Schein der Lebensillusionen. Früher nannte man es die rosarote Brille, druch die man sich die Welt schönsieht. Das Internet potentiert diese Illusionen, die Tellerwäscher-Zum-Millionär-Illusion, die des Heldseins-Für-Minuten. Und es scheint auch so verführerisch wie Lottospielen. Ein Spielautomat für wenige Erfolgreiche zu denen man immer auch potentiell schließlich gehören will. Nachdem ich diesen Eintrag gesehen hatte: war mir sofort klar: Irgend etwas stimmt nicht mehr. Ich kann den Satz „Veröffentliche deine Musik weltweit und werde entdeckt“ einfach nicht verstehen. Das mustergültige Versprechen, dass damit gegeben wird ist komplett sinnfrei. „Stell dich nackt auf die Straße und werde nass“. Nein: Das große Ding von heute ist also […]

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Der Klang der Münze, der Duft des Bratens

Gestern bei einer spontanen Lektüre dann diesen Abschnitt in Michel Serres‘ Der Parasit gefunden. Das hat mich erinnert an die alte Diskussion über die Materie des Urheberrechts in der Musik. Also über den Begriff des „Geistigen Eigentums“. Das dann gegenüber dem „materiellen“ steht. Serres erzählt also diese Geschichte. „Ein Landstreicher fand sich eines schönen Abends fast verhungert am Küchenfenster eines renommierten Restaurants. Die Düfte, die daraus hervordrangen, waren köstlich. Er sog sie ein: das dämpfte den Schmerz des Hungers ein wenig. Ein Koch bemerkte dieses Treiben, schoß heraus und forderte Bezahlung für solchen ‚Dienst‘. Beinahe wäre es zwischen beiden zu Handgreiflichkeiten wegen besagter Forderung gekommen, da trat ein Dritter herzu und erbot sich, zwischen beiden zu schlichten. Gib mir ein […]

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Composing Life (Nico Sauer)

In einer ziemlich analytischen Art und Weise hat der Karlsruher Komponist und Mensch, Nico Sauer, die Bedeutung des Komponieren für die Lebensführung des Menschen in ein Video gefasst. Was zunächst vielleicht wie eine Persiflage auf Medienereignisse erscheinen mag, folgt einer sehr vitalen und tiefgründigen Logik. Du sollst dein Leben komponieren! Helmuth Plessner hat schon sehr früh in seinem Werk „Die Stufen des Organischen und der Mensch“ (Berlin 1975, Erste Auflage 1928), dem anderen Grundsatzwerk der Anthropologie (neben denen von Scheler und Gehlen), die Grundzüge zur Sprache gebracht, die Sauer in seinem Video nahezu 1 zu 1 umgesetzt hat. „Existentiell bedürftig, hälftenhaft, nackt ist dem Menschen die Künstlichkeit wesenentsprechender Ausdruck seiner Natur. (…) Ortlos, zeitlos, ins Nichts gestellt schafft sich die […]

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Sport für Musikinstrumente – Scheitern als Leben

Privatkopie. Foto: Hufner

Matthias Kaul und Neele Hülcker haben Spaß mit Musikinstrumenten. Drei Studien. Man beachte vor allem den Ort der Inszenierung. Nur auf den ersten Blick mögen die zum Beispiel bereitgestellten Leitern im Hintergrund wie zufällig angeordnet wirken. Das ist aber nicht richtig. Bis in die kleinsten und unscheinbarsten Details hinein wirkt hier ein verdammt ausgeklügelter Plan. Scheitern wird hier beklemmend als gescheitertes Scheitern interpretiert: Ein endloser Kampf gegen das Untergehen, gegen Willkür und gegen kulturelle Wunden aufs Tableau gebracht. „Studie“ und „Übung“ in zweien der drei Titel führt einen auf die falsche hermeneutische Fährte. Es handelt sich dagegen um ausgesetzt, exemplarisch und typische Spiegel: Instrumente, in denen wir unser Leben wiederfinden. Das Ach und das Oh. Kommentarlos erschlossen, Denkmäler der Tonkunst […]

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Netz-Existentialismus – Das rauschende Nichts

Es ist schon schockierend, doch das ist es: Da recherchiert man im Netz nichtsahnend herum und glaubt sich am Ziel der Suche, soll und darf ein Video anklicken und dann wird man mit diesem Bild konfrontiert. „Dieses Video existiert nicht“ Man hat gefunden, was es nicht gibt. Nicht einmal etwas, was es nicht mehr gibt. Es führt kein Leben, nur ein Bildrauschen, das aber immerhin, so als sei es im rauschenden Nichts verschwunden, in der kosmischen Stahlung oder der dunklen Materie.  Was tut es? Es gibt es nicht. Aber andererseits weiß man von dem Nichts, dass es ein Video ist? Wie geht das. Ist das Nichts also immer ein Video, das es nicht gibt? Wie kann man von etwas, das […]

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Musikalische Utopie 1: Astromentale Musik (Franz Werfel, 1945)

Max Andrzejewski´s HÜTTE and The Homegrown Organic Gospel Choir. Foto: Hufner

In Franz Werfels Roman „Stern der Ungeborenen“ von 1945 findet sich eine Schilderung der Musik des fernen Zeitalters, die ein Blick an das Ende der Musikgeschichte wirft. Die Instrumente des dort anwesenden Orchesters werden folgendermaßen beschrieben: „Sie waren in den Formen zum Teil verschieden von den unserigen, im Prinzip aber dieselben. Und sollte Menschheit nochmals so alt werden, dachte ich, sie wird immer auf dieselbe Art Musik machen, indem sie singt, fiedelt, zupft, bläst, auf gestimmten Saiten oder auf gespannte Felle schlägt. Mein Gott, wie kläglich muß ich mir selbst widersprechen. Diese Instrumente im Orchester schienen ja nur Blas- und Saiteninstrumente zu sein. In Wirklichkeit besaßen die mentalen Varianten der Geigen und Harfen gar keine Saiten sondern waren blanke Attrappen […]

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Massive Revolution in Schland, digital jezze voll gefordert

Die Tickerzeile hatte es in sich: Bund will mit Milliardenförderung digitale Revolution vorantreiben Oh, Freude, da kommt ja ein Geldsegen auf die digitale Ausgabe der nmz zu. Denn für Revolution sind wir eigentlich schon, und für eine digitale ebenso, auch wenn wir nicht genau wissen, was die sein soll. So eine Revolution bedeutet ja etwas wie Umwälzung, auch Umsturz. Wir hatten da in unserer jüngeren Vergangenheit „revolutionäre Zellen“ und so Zeug. Der Staat und das Volk liebten sie nicht so sehr. Und nun: Digitale Revolution? Soll das Internet umgewälzt werden, dessen Ökonomie, dessen Technologie. Hin zu mehr Transparenz oder mehr Personenschutz? Was ist das eigentlich: Digitale Revolution? Ich erinnerte mich sofort an Harry Lehmanns Klassiker „Die digitale Revolution der Musik. […]

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Als Komponist erfolgreich sein …

Mit diesem Titel wandte sich heute der Musikpublizist Michael Rebhahn an seine Darmstädter Zuhörer. Wir haben da mit rein gehört, denn bei bald 50.000 von der GEMA vertretenen Komponisten in Deutschland kann ja nicht jeder erfolgreich sein. Wären es alle, müsste man Erfolg vielleicht neu definieren! Klicken Sie auf den unteren Button, um den Inhalt von voicerepublic.com zu laden. Inhalt laden Vielleicht ist es aber auch schon etwas schwierig, zu ergründen, was als Erfolg zählt. Hören Sie sich den Vortrag an. Sie werden enttäuscht sein. Es gibt nach einer ausführlichen Zitatstaffel des Philosophen Christoph Menke ein paar knackige Leitsätze. Aber Vorsicht. Sie sind sowohl ernst gemeint wie nicht ernst gemeint. Also, sie sind vor allem eines, gemeint wie gesagt. Es […]

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Hochmut kommt vor dem Bußfall

Das Ergebnis des gestrigen Halbfinal-Trainingsspiels der Deutschen Nationalmannschaft könnte zu Jubel-Taumelanfällen führen. Sieben zu Eins. Und zu Häme und zu kollektivem Wahnsinn. Aber die Welt dreht sich natürlich auch ohne Fußball weiter. Thomas Müller, der Stürmer des Mannschaft, angekündigt vom ZDF-Reporter als Eloquenz-Bestie hängte im Interview nach dem Spiel die Latte tiefer. Ein erstaunlicher Mann. Nicht sein Team hat allein gut gespielt, es hat eben so gut gespielt, wie es der Gegner zugelassen hat. Und der hat viel zugelassen. Wir wissen nicht, welche Drogen eingenommen wurden, welche Gelder von theodosius geflossen sind. Aber das Brasilien von gestern, die Mannschaft von Brasilien stellte sich spielerisch als vollkommen desolat dar. Mal sehen, wie sich das im sogenannten kleinen Finale auswirken wird.

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