Enzyklopädie der Neuen Musik: „Gutmenschentremolo“

Kein Feuer. Foto: Hufner

Es sei „einwandfrei politisch korrektes Gutmenschentremolo,“ schreibt Eleonore Büning über die Transit-Performance des Ensemble Kaleidoskop bei den Donaueschinger Musiktagen in ihrer Kolumne des Netzmagazins takt1.de in der „society of music“. Das wundert, denn eigentlich empfand sie die Aufführung ziemlich daneben. Zur Sache sagt sie: „Danach steigt das Ensemble Kaleidoskop aus, flüchtlingsmäßig verkleidet. Baut sich auf in einer Reihe, guckt uns betroffen an, ob wir mit eingeschlafenen Füßen wohl auch inzwischen ein bisschen flüchtlingsmäßige Betroffenheit entwickelt haben und spielt Memory Spaces von Slavnics. Kollektive Erkundung eines Tones und seiner Obertöne. Reine Stimmung, reinen Herzens.“ Um dann den Schluss zu ziehen: „Einwandfrei politisch korrektes Gutmenschentremolo.“ Gutmenschentremolo, das: Wortschöpfung von Eleonore Büning in der „society of music“. Erste außermusikalische Verwendung in der WELTWOCHE […]

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Unterschied von E- und U-Musik

Scrennshot nmz.de (5.10.2017)

Von vielen bestritten und als falsch oder überflüssig empfunden: Die Unterscheidung von E- und U-Musik, also von Ernst und Unterhaltung. Abrechnungstechnisch für die Urheber nicht unwesentlich, empfindet sie manch einer als lästig, grausam und überholt. Die eine Ausfassung ist dem Wunsch, die andere der ökonomischen Realität geschuldet. In der Musikästhetik hält man unter Umständen ganz gerne daran fest, neigt dann das eine dem anderen zu und das anderem dem einen. Die größten Probleme zeigen sich da im und beim Jazz. Da weiß man nie so ganz genau, was was ist. Wenn man nicht dazu tanzen kann, ist es E, wenn doch, dann U. Jetzt hatte ich einmal in der Redaktion des Onlinebereichs der neuen musikzeitung die Chance, das Thema ein […]

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Enzyklopädie der Neuen Musik: Der „allgemein verständliche Stil“

Allgemein verständlicher Stil. Foto: Hufner

Barbara Boisits, habilitierte Musikwissenschaftlerin aus Österreich, prägte den Begriff des „allgemein verständlichen Stils“ als Stilbegriff innerhalb der Neuen Musik anlässlich eines Artikels in der „oeml“, dem „grundlegende[n] Nachschlagewerk zu Musik und Musikleben in Österreich“, das „sich an die wissenschaftliche Fachwelt ebenso wie an interessierte Laien“ richtet. „W. (…) strebte einen allgemein verständlichen Stil an, um so mit seiner Musik auch eine gesellschaftliche Funktion erfüllen zu können.“ Barbara Boisits, Art. „Wimberger, Gerhard‟, in: Oesterreichisches Musiklexikon online, Zugriff: 21.7.2017 (http://www.musiklexikon.ac.at/ml/musik_W/Wimberger_Gerhard.xml). Nötig wird ein allgemein verständlicher Stil, um auch eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Das kann man vom allgemein unverständlichen Stil nicht gerade sagen. Dieser verneint daher auch eine gesellschaftliche Funktion zu erfüllen. Beispiele für einen allgemein verständlichen Stil findet man zum Beispiel […]

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Atonalitätismus – der güldene Mittelweg beim Komponieren

revolution. Foto: Hufner

Die politische Landschaft hat sich verändert. Man hat einen Linksextremismus entdeckt. Kein Mensch weiß bisher, welche Charakteristika diesen Extremismus auszeichnen könnten, aber man hat seinen Platz ausgemacht. Ein Blick in den Essy „Rechts und Links – Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“ (Berlin 1994 – Wagenbach) des italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio ist da hilfreich (mindestens der Abschnitt Extremisten und Gemäßigte). Er erwähnt die Rezeption „rechter“ Autoren von Seiten den „Linken“ (wie Friedrich Nietzsche, Carl Schmitt oder Martin Heidegger) und sagt dann: „So erklärt es sich, warum Revolutionäre (der Linken) und Konterrevolutionäre (der Rechten) gewisse Autoren gemeinsam haben können: sie haben sie, nicht weil sie der Rechten bzw. der Linken zuzuordnen sind, sondern weil sie Extremisten der Rechten bzw. der Linken […]

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Minimal und repetitive Musik – Das Goeyvaerts-Genom

Minmal - Geburt. Grafik: Hufner

Vor einiger Zeit habe ich über das Krenek-Genom nachgedacht und ihn mit der Erfindung der Musik von Phil Glass in Verbindung gebracht. Heute gibt es eine neue Findung: Karel Goeyvaerts „Composition No. 4“ aus dem Jahre 1952 mit der er die Phasenschiebe-Musik von Steve Reich vorwegnimmt! Und keiner hats gemerkt. Zuerst dachte ich dabei: Okay, dass das noch niemandem aufgefallen ist, erstaunt mich jetzt doch sehr, wo doch Goeyvaerts doch so ziemlich alles erfunden hat, was man musikalisch erfinden kann. Allem voran die „Serielle Musik“ mit seinem Stück für zwei Klaviere. Worüber man auch mal nachdenken könnte übrigens. Während um 1925 die Streichquartette nur so aus dem Boden spriessten, sind es zwischen 1948 und 1955 Stücke für Klavier (eins, zwei […]

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Musik und Gewalt – Geschlagener Schlager

So jetzts ja nicht, lieber MDR. Foto: Hufner

Der Schlager kommt vom Schlag, dem Beat. Schlagermusik ist Beatmusic. Soweit alles richtig. Künstlich hochgekocht wird das Phänomen aber nun beim MDR. Der brachte eine Sendung mit dem Titel: Vanessa Mai – Mein Herz schlägt Schlager Das ist in jeder Hinsicht ungebührlich. Seit wann schlägt das Herz wen und wenn, warum den Schlager? Was kann der Schlager denn dafür? Wir distanzieren uns von solcherleich Bushidoiaden im konventionellen öffentlich-rechtlichen Fernsehen. Eine veritable Schlägerei müsste jetzt folgen. Der MDR geht auf seiner Website aber nocht weiter und lässt die Bosse der Majorlabels höchstpersönlich für Referenzen antanzen: Wer ist diese Frau? „Vanessa Mai ist der Shootingstar des deutschen Schlagers“, sagt Manfred Rolef, Vice President Ariola. „Es gibt, glaube ich, Keinen, den sie kalt […]

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Das musikalische Materialermüdungsinstitut in Teltow

Untersuchungen am Konzept. Foto: Hufner

Soll ich jetzt die Berufung auf die Professur für Weltallmusik an der  Universität Gardelegen annehmen oder doch weiterhin Abteilungsleiter im Bereich Materialermüdung am Bundesinstitut für Neue Musik in Teltow bleiben? Material-Yoga Ich meine, ist es wirklich das Ende meines musikalischen Lebens, Kompositionen von beispielsweise Moritz Eggert, Johannes Kreidler, Gordon Kampe oder Sarah Nemtsov auf Ermüdungsbrüche hin zu untersuchen. Sie allesamt einem Stresstest zu unterwerfen. Ich finde das ziemlich langweilig. Vor kurzem erste sind dazu die neuen Leitlinien des Bundesinstituts für kritische Ästhetik aus Freiburg veröffentlicht worden. Da steht dann wirklich drin, dass ja längst noch nicht alle Elemente des Klanges gefunden worden seien, man also vor Überraschungen nicht sicher sein könne. Musikalisches Material, sagen sie, sei prinzipiell unendlich. An den […]

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Das Krenek-Genom – Die Erfindung der Musik von Phil Glass im Jahr 1923

Repetitive Musik aus dem Quartett Kreneks. Foto: Hufner

Es ist ein paar Jahre her, da hat mir Reinhard Schulz eine CD-Kassette mit den Streichquartetten von Ernst Krenek überlassen. Man muss dazu wissen, ich war in den 90er Jahren in Folge bestimmter Texte Adornos zum Fan der Musik Kreneks geworden. Die beiden ersten Streichquartette kannte ich schon recht gut, ebenso wie die beiden krachenden ersten Sinfonien. Ich hörte also auch das „Spätwerk“, alles was nach dem Urschrei der zweiten Sinfonie folgte zumindest mit Neugier und Interesse. Dabei berichtete ich Schulz vom Beginn des vierten Quartetts. Die ersten 25 Sekunden! Das hörte sich doch wirklich an wie Phil Glass, ein halbes Jahrhundert später. Diese furchtbaren Wechselnoten (siehe Metamorphosis für Piano von Glass)  plus die Harmonik von fast überall nur nicht […]

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Enzyklopädie der Neuen Musik: Schüler von …

Seit Jahrhunderten eine eingeübte Sache. Komponisten outen sich als „Schüler von und zu“. Etikett druff und fertig. a) Würde mich mal interessieren, welcher KomponistIn mal sagt: Leider! Das war Käse bei XXX oder etwas in der Art. Und b) Warum? Gewählt oder auserwählt, oder beides? Ich oute mich auch gleich mal, ich war Schüler von Anton Bruckner, habe den Meister gerne kopiert, war aber immer deutlich schlechter. Vor allem in der B-Note, also bei transponierenden Instrumenten.

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