Eichung von Musik bringt den Staat in Ordnung [nach Curt Sachs]

arabisch-persische tonsysteme

Chinesische Kaiser begannen ihre Herrschaft mit dem Befehl, der Minister habe die Musik wieder in Einklang mit dem Weltall zu bringen. Heute würden wir es trocken nennen: die Stimmgabel neu zu eichen. Was sollte mit dieser Neuabstimmung erreicht werden? Die alten Weisen des Reiches der Mitte sprechen es deutlich aus: Staat und Musik sind, wie der Mathematiker sagen würde, funktionell verknüpft. Ist die Musik in Unordnung, muß es auch der Staat sein.“01)Curt Sachs, Vergleichende Musikwissenschaft in ihren Grundzügen, Leipzig 1930, S. 66 Nachtrag 2018: Curt Sachs sah es so. Erstaunlich dabei, dass man von der Musik annahm, sie könne den Staat in Ordnung bringen. Ich weiß nicht, wie korrekt Curt Sachs hier wirklich geforscht hat. Aber die Grundidee ist natürlich […]

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Sennett und die Ratlosigkeit

Der Finanzminister hört zu. Foto: Hufner

Richard Sennetts reichhaltiges Buch “Respekt im Zeitalter der Ungleichheit” (Berlin 2003) ist eine schöne und komplexe Studie zur Frage der Herstellung von Respekt und seiner Verwirklichung bzw. seiner Verhinderung. Zahlreiche Schilderungen einzelner Phänomene, autobiographischer Art wie aus der Welt der weiten Soziologie und Politikwissenschaft, werden angeführt, analysiert und im historischen Kontext begriffen. Ein Buch, welches dennoch mehr Fragen hinterlässt als Erklärungen. Solange Sennett im historischen Kontext bleibt, ist eigentlich immer alles sehr klar und nachvollziehbar. Geht es um die Gegenwart werden Sennetts Fragestellungen immer ratloser. Das ist nicht ungewöhnlich und man muss es nicht als Manko auffassen. Dadurch bleibt es anregend und diskussionswürdig. Seine Schlussfolgerung am Ende des Buches zeigt die Freude und die Hilflosigkeit gleichzeitig: „Wenn ich aus meiner […]

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Rekursive Substraktionsmusik

Die Angst des Klaviers vor dem Auftritt. Foto: Hufner

Fasching und Sterben. Das stößt aufeinander in einem lyrischen Bild von Lichtenstein. Damit verbunden ein ästhetisches Ansinnen. In der Lungenheilstätte Viele kranke Leute gehen in den Gärten Her und hin und liegen in den Hallen. Die die Kränksten sind, verfiebern Alle armen Tage in dem heißen Grab der Betten. Ach, katholische Schwestern schweben Müd umher in schwarzen Gewändern. Gestern ist einer gestorben. Heute kann einer sterben. In der Stadt feiern sie Fasching. Den Unterschied Möchte ich Klavier spielen können. Lichtenstein: Die Dämmerung. Deutsche Lyrik von Luther bis Rilke, S. 70353 (vgl. Lichtenst.-GG, S. 71) Wie nur soll man den Unterschied spielen. Die Aufgabe scheint mir doch so grad recht groß. Obwohl, vielleicht gab es mal einen Komponisten, der das wirklich […]

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Minimal und repetitive Musik – Das Goeyvaerts-Genom

Minmal - Geburt. Grafik: Hufner

Vor einiger Zeit habe ich über das Krenek-Genom nachgedacht und ihn mit der Erfindung der Musik von Phil Glass in Verbindung gebracht. Heute gibt es eine neue Findung: Karel Goeyvaerts „Composition No. 4“ aus dem Jahre 1952 mit der er die Phasenschiebe-Musik von Steve Reich vorwegnimmt! Und keiner hats gemerkt. Zuerst dachte ich dabei: Okay, dass das noch niemandem aufgefallen ist, erstaunt mich jetzt doch sehr, wo doch Goeyvaerts doch so ziemlich alles erfunden hat, was man musikalisch erfinden kann. Allem voran die „Serielle Musik“ mit seinem Stück für zwei Klaviere. Worüber man auch mal nachdenken könnte übrigens. Während um 1925 die Streichquartette nur so aus dem Boden spriessten, sind es zwischen 1948 und 1955 Stücke für Klavier (eins, zwei […]

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Das Krenek-Genom – Die Erfindung der Musik von Phil Glass im Jahr 1923

Repetitive Musik aus dem Quartett Kreneks. Foto: Hufner

Es ist ein paar Jahre her, da hat mir Reinhard Schulz eine CD-Kassette mit den Streichquartetten von Ernst Krenek überlassen. Man muss dazu wissen, ich war in den 90er Jahren in Folge bestimmter Texte Adornos zum Fan der Musik Kreneks geworden. Die beiden ersten Streichquartette kannte ich schon recht gut, ebenso wie die beiden krachenden ersten Sinfonien. Ich hörte also auch das „Spätwerk“, alles was nach dem Urschrei der zweiten Sinfonie folgte zumindest mit Neugier und Interesse. Dabei berichtete ich Schulz vom Beginn des vierten Quartetts. Die ersten 25 Sekunden! Das hörte sich doch wirklich an wie Phil Glass, ein halbes Jahrhundert später. Diese furchtbaren Wechselnoten (siehe Metamorphosis für Piano von Glass)  plus die Harmonik von fast überall nur nicht […]

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Was weiß die Kunst über mich

Personalisierte Musik. Personalisierte Masse? Gibt es das? Foto: Hufner

Vor einiger Zeit lief auf ARTE eine Dossier zum Thema „Daten“ und deren Nutzung, Anwendung, Kritik etc. Im Gesundheitswesen und bei Mario Sixtus‘ Beitrag über Gesichtserkennung – und was die Datensammler über einen wissen. Ja, was sie möglicherweise mehr über einen wissen als man selbst. Dass sie sogar zukünftiges Verhalten ermitteln werden können. In dem Moment kommt dem Begriff des Authentischen eine eigenartige Bedeutung zu. Man ist auf der einen Seite selbst anscheinend weniger authentisch als die Daten, die es über einen gibt. Der Gedanke, sich zu verstellen, um den Daten Fallen zu stellen, scheint aussichtslos. Man bleibt stets weniger als man selbst. Man wird sogar langsam zu der Person, die man sein soll. Das Netz weiß mehr. Es kann […]

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La Emanzipation der Dissonanz

Das ewige Licht der Erkenntnis. Foto: Hufner

Wie man sich so vorstellt, wie man so Klavier zu spielen pflegt. Kopf-, Herz- und Basisnote – oder doch eher alles Chemisch-Gemisch. Eher oberes Register. Besser wäre vierhändig. Aber das kann noch werden. Ich ziehe es ja vor, im Bademantel das Klavier zu traktieren. Schnelle Autos, flinke Pianistinnenfinger, flottierendes Florett. Emanzipation und Duft. Patchworklebenswelt souverän. Baddadoom. „She masters.“ PS: Weiß eigentlich jemand, was in dem Koffer auf der Rückbank das Autos lagert?

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