Atonalitätismus – der güldene Mittelweg beim Komponieren

revolution. Foto: Hufner

Die politische Landschaft hat sich verändert. Man hat einen Linksextremismus entdeckt. Kein Mensch weiß bisher, welche Charakteristika diesen Extremismus auszeichnen könnten, aber man hat seinen Platz ausgemacht. Ein Blick in den Essy „Rechts und Links – Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“ (Berlin 1994 – Wagenbach) des italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio ist da hilfreich (mindestens der Abschnitt Extremisten und Gemäßigte). Er erwähnt die Rezeption „rechter“ Autoren von Seiten den „Linken“ (wie Friedrich Nietzsche, Carl Schmitt oder Martin Heidegger) und sagt dann: „So erklärt es sich, warum Revolutionäre (der Linken) und Konterrevolutionäre (der Rechten) gewisse Autoren gemeinsam haben können: sie haben sie, nicht weil sie der Rechten bzw. der Linken zuzuordnen sind, sondern weil sie Extremisten der Rechten bzw. der Linken […]

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Kunst überall, edel [Russland 1918]

Wurst, alles Wurst. Foto: Hufner

„Von heute an soll sich der Bürger, wenn er die Straße entlanggeht, in jeder Minute an der Tiefe des Denkens großer Zeitgenossen ergötzen, er soll das farbige Leuchten der schönen Freude des heutigen Tages betrachten, soll allenthalben der Musik – Melodien, Getöse, Lärm – wunderbarer Komponisten hören. // Die Straßen sollen ein Fest der Kunst für alle sein.“ (Dekret Nr. 1 über die Demokratisierung der Kunst. Zaunliteratur und Hinterhofmalerei – Vladimir Majakovskij, David Burljuk, Vasilij Kamenskij) Wenn schon alles in Umwälzung begriffen ist, dann kann man auch gleich richtig umwälzen. Die russischen Künstler saßen auf gepackten Koffern, es schienen Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Es war schon eine Art Stunde Null zur richtigen Zeit. In einer Zeit, als sowieso […]

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„Aufhören der Trennung von Künstler und Mensch“ [De Stijl, 1922]

Echtrecke I. Martin Hufner

„De Stijl“ hatte in Düsseldorf im Jahr 1922 seine „schöpferischen Forderungen“ in fünf Punkten zusammengefasst. Auch hier (wie beim polnischen Manifest von Bruno Jasienski), unter Punkt 5 wird ein Zusammenfallen von Künstler und Mensch gefordert, positiv gedeutet („Aufhören der Trennung“). Bei Punkt 4 findet sich ebenfalls eine nicht unbekannte Forderung: „Aufhören der Trennung von Kunst und Leben. (Kunst wird Leben.) (Applaus)“. (Schöpferische Forderungen von „De Stijl“, in: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 275) „Kunst wird Leben“ ist dabei präzise so zu verstehen, dass nicht das Leben zur Kunst wird, also nicht das Leben zu ästhetisieren ist, d agegen aber Kunst zum Lebensgegenstand zu werden habe. Wobei sicher „Gegenstand“ […]

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Klassiker der Avantgarde: Georges Perec, Die Maschine (1968)

Treppenhaus des Deutschen Museums München. Foto: Hufner

Man nehme ein bekanntes Gedicht und führe ein paar automatisierbare Operationen daran durch. So in etwa lässt sich das Hörspiel mit dem Titel „Die Maschine“ von Georges Perec ganz kurz zusammenfassen. Gesendet wurde es vom Saarländischen Rundfunk am 13. November 1968. Wanderers Nachschicht Als Grundlage diente Perec „Wanderers Nachtlied“ von Johann Wolfgang von Goethe. Es ist simpel, komplex und bekannt genug, um daran die Verfahren zu demonstrieren, die Perec in Stellung brachte. Allerdings ist es ist ganz sicher keine absolute Neuheit, Texte nach bestimmten Verfahren neu zu organisieren. Aber dennoch ist es ein typisches Verfahren, wie sich Text in den 50er bis 60er Jahren neu zu verstehen begann. Davon legen auch die zahlreichen „Neuen Hörspiele“ Zeugnis ab, die damals entstanden. […]

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Minimal und repetitive Musik – Das Goeyvaerts-Genom

Minmal - Geburt. Grafik: Hufner

Vor einiger Zeit habe ich über das Krenek-Genom nachgedacht und ihn mit der Erfindung der Musik von Phil Glass in Verbindung gebracht. Heute gibt es eine neue Findung: Karel Goeyvaerts „Composition No. 4“ aus dem Jahre 1952 mit der er die Phasenschiebe-Musik von Steve Reich vorwegnimmt! Und keiner hats gemerkt. Zuerst dachte ich dabei: Okay, dass das noch niemandem aufgefallen ist, erstaunt mich jetzt doch sehr, wo doch Goeyvaerts doch so ziemlich alles erfunden hat, was man musikalisch erfinden kann. Allem voran die „Serielle Musik“ mit seinem Stück für zwei Klaviere. Worüber man auch mal nachdenken könnte übrigens. Während um 1925 die Streichquartette nur so aus dem Boden spriessten, sind es zwischen 1948 und 1955 Stücke für Klavier (eins, zwei […]

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„Jeder kann Künstler sein“ (Krakau, 20. April 1921)

Neue Welt. Foto: Hufner

„Jeder kann Künstler sein“, so steht es mitten in einem Text aus dem Jahr 1921 von Bruno Jasienski mit dem Titel „An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Lebens“. Das Beuys zugeschriebene Wort: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist die spätere Konsequenz, die aus der Möglichkeit ein Faktum herstellt. Seit gestern bin ich im Besitz eines der schönsten Bücher, die ich seit langem durchstöbern kann: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, erschienen bei Metzler. So vieles aus der damaligen Zeit scheint kaum an Aktualität eingebüßt zu haben, jedenfalls tauchen bestimmte Fragen schon damals auf, die heute immer noch verhandelt werden. Oder schon wieder. Erste Überraschung, die Sache mit […]

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„… sie wittern das Ende.“ [Plessner]

Computer. Foto: Hufner

1924: Helmuth Plessner über Dichten und Denken in der Zeit der „Utopie der Maschine“. „So um 1860 ist die Masse da, uniform durch die Arbeit, uniform, weil übermüdet, im Genuß. Jenes Publikum, das nicht mehr mitkann, aber kollektiv den Anspruch erhebt, für voll genommen zu werden, zwingt den Dichtern und Denkern eine neuere, gröberer, eindringlichere und stimulierende Sprache ab. Bürgerliche Industriewelt steht gegen vereinsamte Musiker, Maler, Schriftsteller, gegen Bildungswelt; die unpersönliche Unternehmung, tausendfältig verfilzte Masse von Produzenten, Maklern, Abnehmern gegen die einzelnen Kopfwerker, Handwerker, Hüter der Bildung; will Erholung vom Tag, Unterhaltung, Aufrüttelung, das Außergewöhnliche im Leichten und Schweren. Sie bekommt, was sie will: die Illusionsoper mit den blonden Heldentenören und den glutvollen Altstimmen, mit der heroischen Lehre und der […]

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„… quoll aus schwarzen Tasten Heiterkeit schwerflüssig in die ausgestorbene Welt“ [Kracauer]

Kein Mondria - n. Grafik: Hufner

„Ein Klavier stand in dem Raum, Gianino konnte nicht widerstehen, er schlug die geliebten Melodien an, und von Tassengeklirr dünn kontrapunktiert, quoll aus schwarzen Tasten Heiterkeit schwerflüssig in die ausgestorbene Welt.“01)Siegfried Kracauer, Empfindsame Suite von der Bergstraße, Gesammelte schriften Bd.5/1, S. 229, Frankfurt am Main 1990. Ist einfach immer wieder gerne gelesen, zwischendurch, die Aufsätze aus den 20er Jahren, Kritiken zu Spengler, Kafka, Sinclair, Plessner und so vielen anderen. Besonders aber seine richtigen Feuilletons. Fussnote(n)   [ + ] 01. ↑ Siegfried Kracauer, Empfindsame Suite von der Bergstraße, Gesammelte schriften Bd.5/1, S. 229, Frankfurt am Main 1990.

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Das Mittelding [nach W. A. Mozart]

Mozarts Ohr - Gewöhnliches Ohr.

Mozart und das Mittelding. 🙂 das mittelding – das wahre in allen sachen kennt und schätzt man izt nimmer – um beyfall zu erhalten muß man sachen schreiben die so verständlich sind, daß es ein fiacre nachsingen könnte, oder so unverständlich – daß [durchstrichen: sie] es ihnen, eben weil es kein vernünftiger Mensch verstehen kann, gerade eben deswegen gefällt; … ich hätte lust ein Buch – eine kleine Musicalische kritick mit Exemplen zu schreiben – aber NB: nicht unter meinem Namen. – 01)Briefe: Erich H. Müller von Asow: Familienbriefwechsel aus dem Jahren 1780-1791. Wolfgang Amadeus Mozart: Leben und Werk, S. 29598 (vgl. Asow-FamilienBW 2, S. 189) Schade, dass es dazu nicht gekommen ist. Fussnote(n)   [ + ] 01. ↑ Briefe: Erich […]

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Spamffiti – Kool Killer und Spam [2007]

Seifenblasen. Foto: Hufner

Vor einiger Zeit habe ich geschwind mich durch den „Aufstand der Zeichen“ des französischen Autors Jean Baudrillard durchgelesen. Zunächst wegen eines Textes zur Medientheorie. Auch weil ich Baudrillard immer für einen Trottel hielt, es aber Hinweise darauf gab, dass manche in seinen Analysen so etwas wie eine total überdrehte fortentwickelte, absolut negative und schwarze Form von Adorno zu sehen meinten. Was die Negativität und Trostlosigkeit angeht, kann ich es nun bestätigen. Im Titelaufsatz „Kool Killer oder Der Aufstand der Zeichen“ beschreibt und analysiert Baudrillard die Graffiti-Bewegung in New York um 1972. Es heißt dort, Seite 29 folgende: „Mit den Graffiti von New York wurden zum erstenmal in großem Ausmaß und in höchst offensiver Freiheit die urbanen Bahnungen und beweglichen Träger […]

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