Sabotage der Kultur

Entleerung der Öffentlichkeit. Foto: Hufner

Es ist sicher nicht ganz falsch, wenn man sich ab und zu einem älteren Buch zuwendet. Mittelmaß und Wahn von Hans Magnus Enzensberger ist so ein altes Buch, das einem da in die Hände fallen kann. Gleich im ersten Essay über Ignoranz gibt es bemerkenswerte Beobachtungen der Zeit (vor dem Internet). Erstaunlich ist es auch deshalb, weil damals die Diagnose auf die Unbeherrschbarbeit der Vielfalt von Wissen eingegangen worden ist. Jedes Wissen wird potentiell, aber wahrscheinlich auch prinzipiell, innerhalb von wenigen Tagen umgeworfen. Was haben wir denn heute erst recht. Das Fernsehen ist geradezu ein Seismograph dafür. Aus drei Kanälen wurden fünf, dann neun, später Dutzende. Durch das Netz sind es mittlerweile Millionen. Enzensberger lebte noch zu Zeiten, als man […]

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Sybaris – Danza alla tedesca [und die Macht des Musikus‘]

Umberto Boccioni: Die Stadt erhebt sich. 1910, Leinwand, 200 × 301 cm

Wissen (was immer das jetzt genau ist) nimmt zu, so erfährt man es. Es heißt auch, dass 90 Prozent aller Wissenschafter der Menschheit zur Zeit noch am Leben sind (das mag stimmen). Jedoch, manchmal dann, wenn man etwas ins Wissen bringen will, stellen sich die Dinge anders dar. Irgendwann während meines Studius tauchte das Kriegslied „Großvater Stöffel“ von Bert Brecht auf. Ich habe es nicht verstanden. Großvater Stöffel ißt den Brotaufstrich mit dem Löffel. Die krumme Liese kocht das Pferdefleisch in Margarine. Witwe Plem wäscht ihrem Großen, zweimal die Woch‘ die Unterhosen. Die Familie Schober heizte vor’ges Jahr schon im Oktober. Bei Dreher Fichte brennt oft noch nach neun Uhr das Lichte. Wenn man so was hört, sagt man unbesehn: […]

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Merkwürdiger Wittgenstein: Zu viel wissen …

Ein Stein von Wittgen. Foto: Hufner

Vor der Prosa des Ludwig Wittgenstein habe ich Respekt. Manch ein Satz erscheint mir einfach so vertrackt, dass das Rätsel, welches er auf gibt, interessanter scheint, als die Lösung. Man nehme einmal: Wer zu viel weiß, für den ist es schwer nicht zu lügen.01)Ludwig Wittgenstein, Über Gewißheit – Werkausgabe Band 8 – Bemerkungen über die Farben, Über Gewißheit, Zettel, Vermischte Bemerkungen, Frankfurt/M. 1984, S. 540. Das mag mehrere Probleme in sich bergen. Entweder man weiß so viel, was aber in all dem Wissen selbst zu sich gegenseitig ausschließenden Wissensfragmenten führt. Dann blockiert sich „Wissen” gleichsam. Zu viel Wissen wäre sodann automatisch ein Überwissen [in einem ganz plumpen Sinne vergleichsweise wie beim Überfischen]. Oder aber: Das Wissen setzt sich selbst schachmatt, […]

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