Die Nullte Gewalt

Ein toter Vogel. Foto: Hufner

Heute kann der Philosoph und Soziologe Jürgen Habermas seinen 90. Geburtstag feiern. Den meisten unserer Leserinnen und Lesern dürfte er nicht aufgefallen sein durch eine besondere Affinität zu musikalischen oder auch im weiteren Sinn ästhetischen Fragestellungen. Gleichwohl ist er einer der bedeutendsten Vertreter in Fragen der Analyse von Veränderungen im Gewebe der Öffentlichkeit und gesellschaftlicher Kommunikation. In seinem Buch “Faktizität und Geltung” hat er kurz einen Faden aufgegriffen, der heute seine volle Wucht entfaltet hat. Er schreibt dort beispielsweise: “Die Personalisierung von Sachfragen, die Vermischung von Information und Unterhaltung, eine episodische Aufbereitung und die Fragmentierung von Zusammenhängen schießen zu einem Syndrom zusammen, das die Entpolitisierung der öffentlichen Kommunikation fördert. Das ist der wahre Kern der Theorie der Kulturindustrie” (Frankfurt 1997 [1992], […]

Weiterlesen

Relevanz und Firlef-

Kommunikation des Missverständnisses. Foto: Hufner

Durch einen Versuch eines Eintrags in die deutsche Wikipedia gelernt, was Relevanz ist. Relevanz ist ein bloß bürokratisches Kriterium der Geistesbürokratie. Also ein recht objektives Mittel, sich vor einer Entscheidung zu verstecken. Die Menschen entscheiden sich immer seltener. Unter Journalisten im Musikbereich bescheidet man sich dagegen hinter den über Befragungen erhobenen Fakten. Die eigene Willensbildung geht auf in einer Montage von Zitaten, die aber nicht sprechen, sondern selbst Produkte anderer Zitate, anderer übergezogener Hülsen sind. Auf der anderen Seite ein Verfall der Kritikfähigkeit von Kritikern, die immer mehr nur noch somatisch oder im Facebook-Stil erfolgt (siehe Beispiel Stilpirat). Die Angst vor dem Wissen der Welt, wie sie das Netz herstellt, erdrückt vor allem das experimentelle und das simple Wissen. Dabei […]

Weiterlesen

Die Idee ist falsch, weshalb sie auch nicht richtig war

In der Passage der Kommunikation. Foto: Hufner

Es ist der unbeschreibliche Vorteil der einseitigen Kommunikation, dass sie einen versperrten Rückkanal hat. So wie beim Rundfunk auch heute vom Grundgedanken her. Es wird etwas hinaus gesendet, das einen Hörer oder mehrere findet. Diese können darauf alleine oder zusammen reagieren, aber es bleibt ihre Reaktion, die fast nie zum Sender zurückläuft. Brechts Gedanke aus der Radiotheorie, dass jeder Mensch zum Sender werden könne, solle ist noch inspiriert davon. Es ist nur die Umkehrung des Prinzips. Der offene Kanal. Aber so oder so: Ohne Rückleitung. In der Kunst ist das nicht viel anders. Überall Sender, da und dort Empfänger, die bis zu einem bestimmten Punkt sich dazu äußern, aber das Kunstwerk ändert sich dadurch in der Regel nicht. Mit dem […]

Weiterlesen

Novalis und das Interesse

Sinister in Graz. Foto: Hufner

Bei der Lektüre von Aphorismen von Novalis tauchen einige ganz bezaubernde Gedanken auf. Sie sind für den Bildungsbereich durchaus fruchtbar. 35. Interesse ist Theilnahme an dem Leiden und der Thätigkeit eines Wesens. Mich interessirt etwas, wenn es mich zur Theilnahme zu erregen weiß. Kein Interesse ist interessanter, als was man an sich selbst nimmt; so wie der Grund einer merkwürdigen Freundschaft und Liebe die Theilnahme ist, zu der mich ein Mensch reizt, der mit sich selbst beschäftigt ist, der mich durch seine Mittheilung gleichsam einladet, an seinem Geschäfte Theil zu nehmen. Nicht nur für den Bildungsbereich, wohl aber für das Verständnis mancher dort hochgehandelter Begriffe. Es ist so wenig verwunderlich, dass man Begriffe wie Vermmittlung und dergleich hier nicht finden […]

Weiterlesen

Bruchstücke: Alte Geister Meister – Musikindustrie bei Bernhard | Hmmm

Rechtschreibung. Foto: Hufner

Alte Geister Meister – Musikindustrie bei Bernhard Joshua von Brain farts empfahl mir doch die Lektüre von Thomas Bernhards “Alte Geister Meister” – mein erstes Bernhard-Werk. Darin wunderbare Zeilen über die Musikindustrie, die einen mit Musik zumülle und einen “krankhaften Musikkonsumatismus” erzeuge. 1985 wurde der Text verfasst – visionär. „Den von der Musikindustrie total vernichteten Menschen sehe ich schon, sagte Reger, diese Massen von Musikindustrieopfern, die die Erdteile schließlich mit ihrem musikalischen Leichengestank bevölkern, mein lieber Atzbacher, die Musikindustrie hat die Menschen einmal auf dem Gewissen, hat am Ende mit der größten Wahrscheinlichkeit die gesamte Menschheit auf dem Gewisssen, nicht nur die Chemie und der Müll, das sage ich Ihnen. Die Musikindustrie ist der Menschenmörder, die Musikindustrie ist der eigentliche […]

Weiterlesen

The winner takes it all [Karl Jaspers 1962] | Information und Geld

Information 1962. Foto: Hufner Information 1962. Foto: Hufner

Ab und an ist es einfach rückwirkend erhellend, wie sich früher Autoren Problemen angenommen haben, von denen man meinen könnte, sie beträfen nur die aktuelle Zeit. Karl Jaspers hatte 1962 sich Gedanken darüber gemacht, wie man mit Informationen umzugehen hat. Wem man vertrauen kann und was sie konkret bedeuten. Er klagte: „Die Überschwemmung durch Zeitungen und Bücher ist nicht zu umgehen, wenn Freiheit der Information sein soll. Man ertrinkt in der Flut, die als Masse von Unwesentlichem das Wesentliche mit hinwegschwemmt. Manche Unberufene schreiben umständlich über belanglose Sachen, schreiben, um zu schreiben. Zeitungen und Zeitschriften müssen ständig in gleichem Umfang gefüllt werden. Um so wichtiger die Namen von Rang und die bescheidenen, redlichen Schriftsteller, die man bis in die letzten […]

Weiterlesen

Disziplinen und Disziplinierungen

Rechtschreibung. Foto: Hufner

Man redet und arbeitet mit einem Selbstverständnis von universitären Disziplinen, von Fakultäten und Fächern. Unterteilt das ganze in ein Angebot, das von Medizin über Physik zur Germanistik und Volkswirtschaftslehre reicht. Aber auch hier die Frage, warum? Dass etwas historisch sich so ausdifferenziert hat heißt ja nicht, das es richtig so ist. Wie kann kann man denn überhaupt die Grenzen zwischen den Fächern ziehen und wodurch sind sie begründet? Warum überhaupt ist die Trennung so abstrakt? Auch in den schulischen Disziplinen? Wäre nicht eine andere Einteilung von mehr Vernunft getragen? Warum studiert man nicht Gehirn? Oder Bewegung? Oder Klang? Oder einfach Welt, Raum oder Zeit? Nehmen wir mal die Volkswirtschaftslehre. Was genau ist denn Gegenstand dieses Faches? Der Makro-Ökonom Harald Uhlig […]

Weiterlesen

Kommunikationsschwäche im Yorck-Loch

Pyramiden. Foto: Hufner

Nix mit Grass, Fest und Habermas. Obwohl ich mir nicht verkneifen kann, zu sagen, der Fest hatja über den Grass über die Bild-„Zeitung“ verlauten lassen, dass er bei ihm keinen Gebrauchtwagen kaufen würde. Brauchte er ja auch nicht. Er hat den alten Schlitten vom Oberfritzen Speer. (Siehe hier — allzumal ein lesenswerter Text von Albrecht von Lucke zum Thema, so dass ich mich enthalten kann meiner Stimme dazu (gestelzt).) Nein, heute nach langerlanger Zeit wieder eingestiegen U-Bahn-Yorckstraße. Mit dabei ein ältere Dame, die gerne nach Dahlem-Dorf wollte. Soll sie ja auch. So erkläre ich: Fahrense bis Fehrbelliner Platz mit der U7 und steigense da um in die U3. Mit Fingercher nachgewiesen auf der Netzplan, den die Dame mit sich führte. […]

Weiterlesen

Bei der Arbeit – Null hundertneunzig …

Huflaikhan telefoniert. Foto: Kurt Hufner

Manchmal überlege ich mir das wirklich. „Das ist der Anschluss von Huflaikhan. Wenn Sie Huflaikhan persönlich sprechen wollen, drücken sie die 1 — wenn Sie sich verwählt haben, drücken sie die 2 (dann wirds richtig teuer) — wenn Huflaikhan dienstleisten soll, dann drücken sie die 3“ Piep „Wollen sie wirklich Huflaikhan sprechen, dann wählen sie in ihrem Telefon-Menü die Sprachkonfiguration für mongolisch oder schlesisch, Huflaikhan kann warten … — wenn Sie das Menü nicht finden, macht es auch nichts — drücken sie irgendeine Taste“ Piep „Das war die falsche. Bitte starten sie von vorn. — Wussten sie übrigens, dass die Wahrscheinlichkeit, dass sich in Deutschland ein Zuschauer direkt nach einer Nachrichtensendung nicht mehr daran erinnert, was er gerade gesehen hat […]

Weiterlesen

Wortmüll: Vorratsspeicherung von Daten

Vorratsdatenspeicherung. Foto: Hufner

Unter der Überschrift „Vertrauen der Bürger in elektronische Kommunikation gestört“ kann man heute im Informationsdienst des Deutschen Bundestages etwas über den Versuch des Rates der Europäischen Union erfahren, Daten auf Vorrat zu speichern. Nun, das könnte man ja noch einigermaßen interessant finden, wenn es sich um die Speicherung von Wissen und Kunst handeln würde. Doch darum geht es nicht. Betroffen seien vielmehr Betreiber öffentlicher Kommunikationsnetze oder Anbieter öffentlich zugänglicher elektronischer Kommunikationsdienste. Als Hintergrund vermutet die FDP-Fraktion nicht erwiesene Effekte für die Strafverfolgungsbehörden und befürchtet dagegen den Vertrauensverlust der Bürger in E-Kommunikation und Telefon. Das ist ehrenhaft, obgleich das Vertrauen heute schon so erschöpft sein dürfte, dass es auch egal zu sein scheint. Da hilft nur die Kommunikationsüberflutung, die schließlich auch […]

Weiterlesen