Trendwende Plastik

Prager Fenstersturz.

Das Internet vergisst nichts, es behält auch nichts für sich. Es löscht sich, es publiziert sich. Es entschuldigt sich, es provoziert sich. Es ist wirklich alles andere als valide oder solide oder sonstwas. Informationen werden gefälscht, sie werden gedreht, sie sind unvollständig. Aber dafür gibt es immer viel Anlass, sich trotzdem zu positionieren. Denn keine Position muss gehalten werden. Sie zu ändern ist das eine und ein gewöhnlicher transformatorischer Vorgang des Lebens und des Lernens. Aber das Auslöschen der Vergangenheit ist ein Prozess der Verfälschung. Die „Fakenews“ sind gar nicht mal die aktuellen, sondern die kenntnisreduzierten und die eine Vorgeschichte umsteuernden. Für die informationelle Unbedeutsamkeit von Facebook beispielsweise spricht, dass Facebook gar nicht exisitiert. So wie dieser Text hier temporärer […]

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„… sie wittern das Ende.“ [Plessner]

Computer. Foto: Hufner

1924: Helmuth Plessner über Dichten und Denken in der Zeit der „Utopie der Maschine“. „So um 1860 ist die Masse da, uniform durch die Arbeit, uniform, weil übermüdet, im Genuß. Jenes Publikum, das nicht mehr mitkann, aber kollektiv den Anspruch erhebt, für voll genommen zu werden, zwingt den Dichtern und Denkern eine neuere, gröberer, eindringlichere und stimulierende Sprache ab. Bürgerliche Industriewelt steht gegen vereinsamte Musiker, Maler, Schriftsteller, gegen Bildungswelt; die unpersönliche Unternehmung, tausendfältig verfilzte Masse von Produzenten, Maklern, Abnehmern gegen die einzelnen Kopfwerker, Handwerker, Hüter der Bildung; will Erholung vom Tag, Unterhaltung, Aufrüttelung, das Außergewöhnliche im Leichten und Schweren. Sie bekommt, was sie will: die Illusionsoper mit den blonden Heldentenören und den glutvollen Altstimmen, mit der heroischen Lehre und der […]

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1983 – Volker Braun – 2004

Pyramiden. Foto: Hufner

Der Undank des Volkes Kunze fragte: Warum sind unsere Menschen so unzufrieden? und gar nicht dankbar? Die so vieles haben, wovon sie einst nur träumen konnten! Fernseher, Kühlschrank, Waschmaschine und den Sozialismus. — Sie wollen nicht dankbar sein für etwas, das sie selber machen, sagte Hinze. Friede Freude Freiheit Hinze parlierte mit einem Bundesbürger, dessen Zufriedenheit ihn faszinierte. Der wähnte sich im Besitz der Freiheit — nach dem Ding, dem Hinze sein Leben lang nachjagen würde. Er hat uns einige erschwingliche Freiheiten voraus, dachte Hinze: und beglückwünschte den Mann zu seiner Genügsamkeit.01)Volker Braun, Berichte von Hinze und Kunze, Frankfurt/M. 1983, S. 9 und 79. Warum kommt mir das alles so bekannt und aktuell vor? Dabei entstanden die Texte doch 1983 […]

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1929 – War alles schon mal da … [Siegfried Kracauer: Die Angestellten]

Illustrative Illustration. Foto: Hufner

Seit der erneuten Beschäftigung mit Klassikern der Soziologie und Ökonomie wird der Kreislauf, vielleicht sogar das Stilltreten der Zeit immer deutlicher. Engels Beobachtungen in England, Tocquevilles Kritik Amerikas machten das deutlich. Nun liegt Siegfried Kracauers Studie aus den 30er Jahren „Die Angestellten“ auf dem Schreibtisch. Nichts scheint sich zu ändern, nichts. „Die Angestellten müssen mittun, ob sie wollen oder nicht. Der Andrang zu den vielen Schönheitssalons entspringt auch Existenzsorgen, der Gebrauch kosmetischer Erzeugnisse ist nicht immer ein Luxus. Aus Angst, als Altware aus dem Gebrauch zurückgezogen zu werden, färben sich Damen und Herren die Haare, die Vierziger treiben Sport, um sich schlank zu erhalten. »Wie werde ich schön?« lautet der Titel eines jüngst auf den Markt geworfenen Heftes, dem die […]

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