Kunst überall, edel [Russland 1918]

Wurst, alles Wurst. Foto: Hufner

„Von heute an soll sich der Bürger, wenn er die Straße entlanggeht, in jeder Minute an der Tiefe des Denkens großer Zeitgenossen ergötzen, er soll das farbige Leuchten der schönen Freude des heutigen Tages betrachten, soll allenthalben der Musik – Melodien, Getöse, Lärm – wunderbarer Komponisten hören. // Die Straßen sollen ein Fest der Kunst für alle sein.“ (Dekret Nr. 1 über die Demokratisierung der Kunst. Zaunliteratur und Hinterhofmalerei – Vladimir Majakovskij, David Burljuk, Vasilij Kamenskij) Wenn schon alles in Umwälzung begriffen ist, dann kann man auch gleich richtig umwälzen. Die russischen Künstler saßen auf gepackten Koffern, es schienen Dinge möglich, die vorher undenkbar waren. Es war schon eine Art Stunde Null zur richtigen Zeit. In einer Zeit, als sowieso […]

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„Aufhören der Trennung von Künstler und Mensch“ [De Stijl, 1922]

Echtrecke I. Martin Hufner

„De Stijl“ hatte in Düsseldorf im Jahr 1922 seine „schöpferischen Forderungen“ in fünf Punkten zusammengefasst. Auch hier (wie beim polnischen Manifest von Bruno Jasienski), unter Punkt 5 wird ein Zusammenfallen von Künstler und Mensch gefordert, positiv gedeutet („Aufhören der Trennung“). Bei Punkt 4 findet sich ebenfalls eine nicht unbekannte Forderung: „Aufhören der Trennung von Kunst und Leben. (Kunst wird Leben.) (Applaus)“. (Schöpferische Forderungen von „De Stijl“, in: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 275) „Kunst wird Leben“ ist dabei präzise so zu verstehen, dass nicht das Leben zur Kunst wird, also nicht das Leben zu ästhetisieren ist, d agegen aber Kunst zum Lebensgegenstand zu werden habe. Wobei sicher „Gegenstand“ […]

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Klassiker der Avantgarde: Georges Perec, Die Maschine (1968)

Treppenhaus des Deutschen Museums München. Foto: Hufner

Man nehme ein bekanntes Gedicht und führe ein paar automatisierbare Operationen daran durch. So in etwa lässt sich das Hörspiel mit dem Titel „Die Maschine“ von Georges Perec ganz kurz zusammenfassen. Gesendet wurde es vom Saarländischen Rundfunk am 13. November 1968. Wanderers Nachschicht Als Grundlage diente Perec „Wanderers Nachtlied“ von Johann Wolfgang von Goethe. Es ist simpel, komplex und bekannt genug, um daran die Verfahren zu demonstrieren, die Perec in Stellung brachte. Allerdings ist es ist ganz sicher keine absolute Neuheit, Texte nach bestimmten Verfahren neu zu organisieren. Aber dennoch ist es ein typisches Verfahren, wie sich Text in den 50er bis 60er Jahren neu zu verstehen begann. Davon legen auch die zahlreichen „Neuen Hörspiele“ Zeugnis ab, die damals entstanden. […]

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„Jeder kann Künstler sein“ (Krakau, 20. April 1921)

Neue Welt. Foto: Hufner

„Jeder kann Künstler sein“, so steht es mitten in einem Text aus dem Jahr 1921 von Bruno Jasienski mit dem Titel „An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Lebens“. Das Beuys zugeschriebene Wort: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist die spätere Konsequenz, die aus der Möglichkeit ein Faktum herstellt. Seit gestern bin ich im Besitz eines der schönsten Bücher, die ich seit langem durchstöbern kann: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, erschienen bei Metzler. So vieles aus der damaligen Zeit scheint kaum an Aktualität eingebüßt zu haben, jedenfalls tauchen bestimmte Fragen schon damals auf, die heute immer noch verhandelt werden. Oder schon wieder. Erste Überraschung, die Sache mit […]

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Das Krenek-Genom – Die Erfindung der Musik von Phil Glass im Jahr 1923

Repetitive Musik aus dem Quartett Kreneks. Foto: Hufner

Es ist ein paar Jahre her, da hat mir Reinhard Schulz eine CD-Kassette mit den Streichquartetten von Ernst Krenek überlassen. Man muss dazu wissen, ich war in den 90er Jahren in Folge bestimmter Texte Adornos zum Fan der Musik Kreneks geworden. Die beiden ersten Streichquartette kannte ich schon recht gut, ebenso wie die beiden krachenden ersten Sinfonien. Ich hörte also auch das „Spätwerk“, alles was nach dem Urschrei der zweiten Sinfonie folgte zumindest mit Neugier und Interesse. Dabei berichtete ich Schulz vom Beginn des vierten Quartetts. Die ersten 25 Sekunden! Das hörte sich doch wirklich an wie Phil Glass, ein halbes Jahrhundert später. Diese furchtbaren Wechselnoten (siehe Metamorphosis für Piano von Glass)  plus die Harmonik von fast überall nur nicht […]

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Kompositorische Innovationen 1979

Fotoapparat op. 1

Eben ausführlich mit P.B. telefoniert über Reger, Bach, Beethoven und allerlei. Dabei fiel dann das Wort von kompositorischen Innovationen. Irgendwer meinte in der Newsgroup de.rec.musik.klassik Beethoven sei nicht innovativ gewesen. Das ist auch egal, ob ja, ob nein. Der Begriff der Innovation trifft nichts Wesentliches im Fach der Komposition. Ich war nämlich auch einmal innovativ, habe, zwar zu spät, dafür in Unkenntnis 1979 einmal repetitive Musik erfunden (was man heute gemeinhin aber falsch als Minimal Music zusammenfasst). In meinem wenig beachteten op. 1 „Zyklus der Kunst für Violine solo“ gibt es ein Stück mit dem Titel „Der Fotoapparat“. Das war gedacht als Programmmusik im einfachsten Sinne. Teil a) da wird der Apparat zusammengeschraubt, Teil für Teil. Die Takte füllen sich […]

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