Dezember 2, 2021 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Kunstfeigheit | Verdruss | Hypertrophie — Schmerzhaft

Die Kulturinstitutionenindustrie tut sich gerade keinen Gefallen. Sie versucht auf allen Kanälen eine Politik unter Zugzwang zu setzen, die dafür jedoch nur in minderem Maße überhaupt die Ansprechpartnerin ist. Jüngst hat der Deutsche Bühnenverein einen Brief an die Bundeskanzlerin adressiert (bei Antworten bitte Aktenzeichen angeben – habe ich mir nicht ausgedacht, isso, Antworten landen sonst sicher ja im Altpapier).

Es war klar, dass auch der Bühnenverein für sich die Kunstfreiheit und die grundgesetzliche Garantier in Anspruch nehmen würde, besondere Berücksichtigung bei Öffnungsszenarien zu erhalten. Früher, gebe ich zu, hatte ich den Eindruck: Kunst und so, das ist eine Fähigkeit des Differenzierens. Man beobachtet und hört, sieht, schmeckt feine Nuancen.

Und was steht im Papier: „Bei einem Rückgang des Infektionsgeschehens muss also vorrangig geprüft werden, ob Kultureinrichtungen unter bestimmten Bedingungen wieder geöffnet werden können.“ Das ist korrekt. Aber hat sich damit der Brief nicht gerade erledigt. Und vor allem, wie wann wo und in welchem Umfang soll das geschehen? Dazu steht da nichts.

Was heißt vorrangig aber genau? Vor dem Nagelstudio, vor dem Jazzclub und -keller, vor der Grundschule, der Hundeschule, dem Gartencenter, Cafés oder Kneipen? Sind dies alles nicht auch „zentrale Orte des soziokulturellen Miteinanders, der wertebildenden Orientierung und des Diskurses in unserer Demokratie“. Und wer entscheidet jetzt darüber. Es ist natürlich bedauerlich, dass weite Teile der Bevölkerung ganz oder fast ohne die Nutzung von „Theatern, Museen und Konzerthäusern“ ohne diese „zentrale[n] Orte des soziokulturellen Miteinanders, der wertebildenden Orientierung und des Diskurses in unserer Demokratie“ ausharren müssen. Wir sind eben ein echt kulturloses Volk. Jetzt genau wie vorher.

Im Maschinenraum der Hohlbirnen. Foto: Hufner
Im Maschinenraum der Hohlbirnen. Foto: Hufner

Der Gedanke ist natürlich faszinierend, aber konsequent bis zum Ende gedacht, selbstentmächtigend. Einerseits, weil vieles auch mit weniger funktioniert und weil andererseits vieles schon immer für wenige funktioniert hat. Live-Kultur und -Kunst ist trotzdem ziemlich toll und regelmäßig mit großem Vergnügen verbunden – aber muss man sie auf diese Art zu politischen Bildungsstätten erhöhen, wo man auch mal nur ein bisschen sinnlich abfeiern möchte bei lauter Musik oder überwältigenden Installationen oder beim Kabarett lachen oder bei einer Lesung gepflegt Schnittchen verspeisen und nachhintennicken – während im Hinterzimmer bei schlechter Lüftung Julian Nida-Rümelin, Thea Dorn und Juli Zeh mit Rolf Bolwin über die lyrischen Aufbau des Grundgesetzes der Bundesrepublik Deutschland unter der versierten Moderation von Oliver Pocher in Wallung geraten.

„Wie zuletzt eine Studie des Hermann-Rietschel-Instituts an der TU Berlin belegt, ist das Infektionsrisiko in Theaterräumen dank hervorragender Lüftungsanlagen und wirkungsvoller Schutzmaßnahmen signifikant niedriger als in Einzelhandel, Mehrfachbüros, Sporthallen oder Restaurants.“ Und in Schulen! Wäre es nicht logischer, gerade diese beiden letztgenannten Bereich zu schließen und stattdessen die Konzerthäuser, Theater und Museen zu öffnen, unabhängig von ihrem Hygienestatus? Mal ehrlich. Dann wäre in der Tat die Pandemie so gut wie besiegt, denn in Theaterräumen ist man ja angeblich supersicher. Und so viele davon gibt es ja auch gar nicht, schon gar nicht auf dem Land. Diese 809 Theaterspielstätten sind doch ein Klecks in der Landschaft. Mein lieber Herr Bühnenverein; ich bin auch für Öffnung der Theater und das sollte aktuell auch prima gehen: Es lässt sich einfach dadurch kompensieren, dass man Schulen und Kigas und Kitas geschlossen hält und auch zahlreiche Arbeitsplätze auflöst. Siehe TU-Studie. Und nicht vergessen im Theater gilt welche Stufe und für wen (Publikum vs. Ausführende?):

I liegen, atmen
II sitzen, stehen, atmen, sprechen
III leichte körperliche Tätigkeit, gehen, atmen, wenig sprechen
IV schwere körperliche Tätigkeit, Sport, wenig lautes sprechen

„In den nächsten Monaten wird es darum gehen, wie wir mit dem Virus leben lernen.“ Was für eine hohle pathetische Formulierung. Ich bin sehr neugierig auf ihren Lernentwicklungsbericht. Und ohne offene Theater geht es ja nun wirklich nicht, oder wie?

„In den nächsten Monaten wird es darum gehen, wie wir mit dem Virus leben lernen.“ Und ich muss in den nächsten Monaten lernen, mit solchen Pressemeldungen zu leben.


Übrigens, Carsten Brosda, Sie können direkt anfangen, das Ansinnen umzusetzen. Als Senator für Kultur der Freien und Hansestadt Hamburg haben Sie den denkbar direktesten Draht zu ihrem Ministerpräsident und sogar das gleiche Parteibuch. Wie hat denn Ihr MP auf diesen Brief reagiert?