November 28, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Von Fakten und vom Schweigen

Seit einiger Zeit macht ein Grafik die Runde, die zeigen soll, wo sich Zürcher und Zürcherinnen in der letzten Zeit mit dem Coronavirus angesteckt haben sollen. Platz 1: Der private, eigene Haushalt; letzter Platz mit 0 (Null) Fällen: Kino, Theater, Konzert. Die launige Interpretation: Im Konzert sei es sicherer als zuhause. David Stingl hat diese Grafik jetzt untersucht und einem Faktencheck unterworfen. Was dabei herauskam, das wird Sie erstaunen. Ehrlich gesagt, eigentlich nicht. Fakten werden eben erst dann zu aussagekräftigen Informationen, wenn man Methoden und Daten kennt, durch die sie entstehen. Das weiß eigentlich jedes Kind, spätestens jede*r jugendliche Mensch.

Untersuchung läuft!

Wissen Sie, ich möchte da hier heute doch ein Mal wieder persönlich werden. Von Juan Allende-Blin gibt es ein Hörspiel aus den 80er Jahren mit dem Titel “Muttersprachlos”. Der Schluss hat sich mir eingeprägt, den habe ich nie bis heute vergessen.

“Wer hören will, der hört auch aus der Ferne. Wer nicht hören will, der hört auch aus der Nähe nicht.”

Juan Allende-Blin. Hörspiel, Muttersprachlos

Das will ich ergänzen um eine Beobachtung des Soziologen Georg Simmel, die dieser Anfang des 20. Jahrhunderts gemacht hat. Er meinte:

„Es ist von einer noch garnicht genug beachteten Bedeutung für die soziale Kultur, daß mit der sich verfeinernden Zivilisation offenbar die eigentlich Wahrnehmungsschärfe aller Sinne sinkt, dagegen ihre Lust- und Unlustbetonung steigt.“

Georg Simmel: Soziologie, Frankfurt am Main 1992. S. 734.

Noch kürzer oder umgekehrt, mit der Erregungssteigerung, wie man sie vor allem aber nicht nur in den sozialen Medien beobachten kann, sinkt die Fähigkeit differenziert etwas wahrzunehmen. Die Sache ist leider reziprok. Und jede*r von uns kennt das, mehr oder weniger: Je aufgeregter man ist, desto weniger Aufmerksamkeit hat man für die Umgebung noch. Aber auch umgekehrt: Je präziser die Wahrnehmung wird, desto weniger Bedeutung haben Lust und Unlust. Genau das hat David Stingl getan. Er hat präzise hingesehen.


Aus dem Newsletter der nmz vom 22.10.2020.

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