Was ziehen Sie vor Musik oder Wurstwaren?

Oder etwa Flugzeuge? Hätte Erik Satie bereits gewusst, was wir heute alle wissen, dass der Unterschied zwischen Musik und Wurstwaren ein eher gradueller ist, hätte man sich viel ersparen können in dieser Welt, die gerade durch den Taschenrechner gezogen wird. Denn alles hat jetzt seinen Preis.

Das Forum der Musik-Festivals hat erkannt: Man ist systemrelevant. Warum? Weil man 600 Festivals sein eigen nennt, weil man 400 Mio. Euro Umsatz generiert. Zum Vergleich: die Fleischindustrie kommt gerade mal auf 42,5 allerdings Mrd. Euro im Jahr.

Der Umsatz im Schlachterei- und Fleischverarbeitungsgewerbe in Deutschland lag zuletzt bei rund 42,5 Milliarden Euro. Der Anteil der Fleischverarbeitung lag bei rund 22 Milliarden Euro, der Rest entfiel auf das Schlachtgewerbe. In der Fleischverarbeitung gab es im vergangenen Jahr mehr als 1.400 Betriebe in Deutschland. Der umsatzstärkste Fleischverarbeiter war mit deutlichem Abstand Tönnies – der Umsatz summierte sich zuletzt auf rund 6,9 Milliarden Euro bei einem Schlachtaufkommen von rund 17 Millionen Schweine pro Jahr.

statista
Quelle: Forum Musik Festivals.

In einem offenen Brief an die bayerische Regierung drängen sie auf Verbesserungen. Denn:

Es braucht Regeln, die nachvollziehbar, praktikabel sowie gerecht sind und sich an den Maßnahmen anderer, vergleichbarer Bereiche des öffentlichen Lebens orientieren (Gastronomie, Tourismus, Handel, Nahverkehr, Sport).

Pressemitteilung: Im Namen des Forum Musik Festivals, Tobias Wolff

Man muss seine Prioritäten eben kennen. Man orientiert sich an Maßnahmen anderer Bereiche auf deren Level man sich damit auch begibt. Vorrangig ist nicht etwa der Gesundheitsschutz der Musiker*innen oder des Publikums. Sondern, was man in anderen Bereichen Menschen zumutet kann, das will man gerne übernehmen. Und für sich reklamieren.

Das wird besonders offenbar an den Forderungen. Nummer 2 lautet:

Die Aufhebung der durchgehenden Maskenpflicht bei Konzerten, auch im Sinne der Gleichbehandlung mit Einzelhandel, Gastronomie, Schule etc. ist unverzichtbar. Wer den zugewiesenen Sitzplatz erreicht hat, benötigt wegen des dort eingehaltenen Abstands keine Maske mehr.

Pressemitteilung: Im Namen des Forum Musik Festivals, Tobias Wolff

Es ist immer gut, wenn jemand weiß, was er will, auch wenn er von der Sache keine Ahnung hat. Da kann man bequem sich in seinen Sitz zurücklehnen und dösen. Weil, siehe unten, die anderen auch nur im Trüben fischen. Was für eine Forschungssituation natürlich vollkommen gewöhnlich ist. Das hat natürlich etwas von dem großen Risikospiel. Im gleichen Atemzug können wir auch das Rauchen iin Konzertsälen wieder einführen. Wenn nur genügend Abstand ist, dann ist es ja auch nicht mehr so gefährlich für die Nichtrauchenden.

Schweine im Flugzeug

Mit der gleichen Argumentationskette kommt nun auch der Deutsche Musikrat in seiner neuesten Forderung daher. Er wundert sich, warum man so dicht an dicht in Flugzeugen sitzen darf, aber in Konzertsälen diese bekloppten Abstandsregeln gelten müssen. Er schreibt darin:

Der Flugbetrieb lohnt sich nur mit voll besetzten Reihen, ebenso wie der Kulturbetrieb, der ein erheblicher Wirtschaftsfaktor in Deutschland ist. Was für Flugzeug und Bahn gilt, muss auch für Konzertsäle gelten.

Pressemitteilung des Deutschen Musikrates (zit. nach neue musikzeitung vom 3.6.2020)
Mensch und Flugzeug. Foto: Hufner
Mensch und Flugzeug. Foto: Hufner

Wir erkennen daraus: Wenn an anderen Stellen Menschen schlecht behandelt werden, so muss das auch im Bereich der Konzersäle gelten. Wer sagt denn, dass es in Bahn und Flugzeug so sicher ist? Nach meiner Kenntnis trifft das nur bedingt zu und nur unter besonderen Umständen. Konsequenterweise sollte man die Forderung des Deutschen Musikrates umformulieren: Macht die Flugzeuge zu Konzertsälen. Sie müssen dazu ja auch im Zweifel nicht mal fliegen. Sie könnten auch einfach nur beladen werden und die Klimaanlage dann an. Vorne irgendwo ein Streichquartett, spielt ein Programm mit Haydn, Brahms und Nono.

Das klingt vielleicht überheftig. Aber der Wandel im Grundkonsens von einer an der Gesundheits- und Gefährdungslage orientierten Haltung zu einer der Weiterführung von systemrelevanten Geschäften, ist ein Paradigmenwechsel, der die „Kultur“ direkt beschädigt. Sie kippt hinten über, wenn man sie primär im Bereich der Wirtschaft ansiedelt.

Aktuell beziehen sich Politik und öffentliche Verwaltung auf Zahlen, für deren Aussagekraft die Belege fehlen und deren Anwendung in der Praxis problembehaftet ist.

Positionspapier des Forum Musik Festivals vom Mai 2020.

Was man offenbar nicht begreifen will und als These vorträgt: Die Lage ist unübersichtlich. Die Erforschung der Pandemie und ihrer Auswirkungen sind in steter Entwicklung. Ebenso wie die medizinische Lage. Was heute noch gegolten hat, kann in einer Woche Makulatur sein. In jeder Richtung. Und selbst dann hat man es nicht mit einem duaerhaften verlässlichen Status zu tun.

Aber auf was bezieht sich das Forum Musik Festivals? Auf was bezieht sich der Deutsche Musikrat? Auf eine Aussage eine ehemaligen Bundespräsidenten? Mal von den zahlreichen offenen Flanken im Spiel. Wenn der Deutsche Musikrat schreibt: „Der Flugbetrieb lohnt sich nur mit voll besetzten Reihen, ebenso wie der Kulturbetrieb …“ droht mit dem Argument die Aufgabe all jener Kultur bei denen die Reihen nicht so voll besetzt sind? Bei der Zahl von 400 Mio. Euro Umsatz, was ist davon schon durch die Hand der Steuerzahler*innen gedeckt. Will man sich wirklich auf solche Rechnungen nach dem Muster der Renditen einlassen? Hieße das nicht: Macht die Kulturradios endlich dicht, volle Reihen unter den Hörer*innen findet ihr da eher nicht. (Siehe Media-Analyse 2020) Das reicht von einem Hörer*innenanteil von 0,7% (Deutschlandfunk Kultur) bis zum Kulturradio des Saarländischen Rundfunks mit 3,5%.

Kulturbetrieb, das möchte man dem Deutschen Musikrat entgegenschleudern, lohnt sich immer. Aber sobald man sich auf die Zahlenspiele mit Wirtschaftsdaten einlässt, ist man verloren. Da wird man eben entscheiden: Doch besser die Schlachtbetriebe, doch besser die Autoindustrie? Oder doch Konzertsaal! Die Unterschiede unter dem Gesetz des Marktes kann man ignorieren.

Felix Linsmeier hat heute auf Facebook einen losgelassen. Wollt Ihr wirklich, so formuliere ich mal um, das System mit seinem ganzen Verdummungspotential, das ihm auch eigen ist, erhalten? Wollt Ihr das System aus wenigen Gewinnler*innen und großem Prekariat verewigen? Oder geht es nur darum, jetzt alle über die Runden zu bringen, und erst danach die Fragen zu stellen, warum es überhaupt so weit kommen konnte?

Im Moment läuft es aber darauf hinaus, das Glasperlenspiel unter schärferen Bedingungen zu fortzuführen.

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