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Kein Vermächtnis – Zum Rihm-Film von Victor Grandits

Letzte Woche kam der zweite Film von Victor Grandits über Wolfgang Rihm zur Ausstrahlung im Fernsehprogramm der SWR. Er trägt den Titel: „Das Vermächtnis“. Knappe 60 Minuten aus dem aktuellen Treiben des Komponisten. Der Komponist am See, der Komponist zuhause, der Komponist auf einem Festival und im Kompositionsunterricht. Irgendwann der Komponist auch mal beim Arzt. Aha!

Seine Frau spricht über dessen Erkrankung und seine Arbeit. Es wird über das Sein und das Sagen gesprochen. Anfang, Dauer, Ende. Und dann fragt man sich: Habe ich etwas verpasst, ist der Wolfgang Rihm denn schon gestorben? Um welches Vermächtnis geht es hier eigentlich.

Der Film wird eingeleitet von einer wabernden Musiksauce, die nicht von Rihm selbst stammt. Zwischentitel, die wie bei Zukunftsthrillern herumzucken.

Jetzt habe ich vom SWR auf Anfrage hin dankenswerterweise die Musikliste bekommen. Die hier eingesetzte Musik ist aus einem Soundtrack zum Film Arrival (2016) vom isländischen Komponisten Jóhann Jóhannson – „One Of Twelve“ und „Around The Clock News“. Ein Film, bei dem es wohl um Außerirdische geht, mit denen die Kommunikation etwas schwer ist. Die Musik ist nicht ohne Charme. Gleichwohl kann der unbedarften Hörerin (und dazu zähle ich mich auch) das vorkommen wie Musik von Wolfgang Rihm. Alle über 500 Werke wird man hoffentlich verzeihlicherweise ja nicht kennen können.

Ab und zu mal ein Bonmot des Komponisten, daneben Stellungnahmen von anderen, Gespräche über „Konturen“ mit einem Dirigenten (in einer Nebenrolle: Riccardo Chailly). Alles in allem: Nichts Bewegendes. Der Komponist bleibt auf Abstand – wirkt an manchen Stellen wie ein Kleingeist im Reich der Kunst (beim Blick über Lucerne oder dem Ausbessern einer Notenskizze).

Kein Vermächtnis – Zum Rihm-Film von Victor Grandits. Foto: SWR
Kein Vermächtnis – Zum Rihm-Film von Victor Grandits. Foto: SWR

Eine ganz launige Passage gibt es in der Mitte, wenn Rihm auf dem Weg zum Kompositionskurs in Lucerne einen langen Gang durchschreitet. „Groove Holmes“ von den Beastie Boys wird hier unter die Bilder legt – mit „Funky Boss“ von der gleiche Platte hätte man wenigstens mit etwas mehr Ironie spielen können, wenn schon, denn schon.

Rihm hat sich in einem Interview mit Isabel Steppeler in den Badischen Neuesten Nachrichten nicht glücklich über den Film gezeigt. „Er (der Regisseur) wollte unbedingt, dass ich moribund im Bett liege. Und hat alles rausgeschnitten, was irgendwie lebensfroh ist“, wird da Wolfgang Rihm zitiert. Der ganze Film lahmt deshalb so dahin. Man kommt weder dem Komponisten näher, noch dem Menschen. Nur die Bilder eben sind manchmal dicht dran – ohne aber dran zu sein.

Dabei gibt es einen guten Film zu Rihm aus dem letzten Jahr, leider ist er nicht öffentlich gezeigt worden. Beim Deutschen Musikautorenpreis in Berlin konnte Rihm persönlich nicht anwesend sein. Aber er hat da ein Grußwort geschickt, das seinen ganzen charmanten Witz in vielerlei Facetten zeigt; in nur ca. fünf Minuten. Gesendet an die Kolleginnen und Kollegen aus E- und U-Musik.

„Das Vermächtnis“ von Grandits dagegen: Künstlich mit Sound- und Titeleffekten aufgeblasen und gegen Mitte des Films immer langweiliger werdend, weil er seine inhaltliche Unentschiedenheit nicht auszufüllen vermag. So bleiben vor allem eben die wabernden Klänge eines fremden Komponisten haften und die Klänge des portraitierten Komponisten fremd. Jede Tierdokumentation im Fernsehen oder Film ist berührender.


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