Die Perücke in der Suppe

Jetzt sind die ersten neun Tage des Jahres 2020 bereits herum. Gut. Wenn man den Empörungswellen auf Twitter so folgt, kann und muss das alles noch verdichtet werden. Es erinnert mich ein bisschen an meine Schulzeit, wenn es in der Klasse sekündlich lauter und lauter geworden ist. Den Grund (oder die Gründe) weiß man ja schon gar nicht mehr. Aber es war alles sofort total wichtig. Dabei war das meiste davon einfach ziellos in die Gegend gebrüllt. Ich erinnere mich aber auch noch gut daran, dass sehr genau beobachtet worden ist, wie die Lehrerinnen und Lehrer den Versuch unternommen haben, das zu beenden. Oder zu steuern. Gegenbrüllen! Schweigen! Leise Reden! Rausgehen? Aber ich erinnere mich nicht, was geholfen hat – oder ob überhaupt etwas geholfen hat. Komisch, oder? Wahrscheinlich gab es da keinen Königs- oder Königinnenweg. Bei Twitter fehlen die Lehrerinnen und Lehrer allerdings. Da sind eher Klassensprecherinnen und Klassensprecher unterwegs. So ein bisschen hat man das Gefühl, die nehmen das leicht. Denn auch die Klassensprecherinnen und Klassensprecher buhlen um Gehör – auf höherer Ebene.

Aber man wird das Gefühl nicht los: Um Sachen geht es da nicht mehr. Es geht um Schuldsuche, Schuldzuweisung, Bestrafung, Ein- und Ausgrenzung – so ein bisschen um Populismus jeder Farbe eben. Bei allem aufklärerischem Ursprungsdenken dabei, dass man etwas aufdeckt, was vielleicht gesellschaftlich schwächt und als Konflikt in der Gesellschaft im Innersten schwelt, muss man darauf acht geben, meine ich, dass man nicht mit einer “Verbösung des Guten” (wie es der skeptische Philosoph Odo Marquard nannte) zu viel ausscheidet, was doch erhaltenswert bleiben könnte. Schnell wird heute aus dem Haar in der Suppe eine Perücke.

Wer hat denn nun die größte Perücke in seiner Suppe?