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Crime Scene. Foto: Hufner

Die Reize der Regression – Maria O. und ihre (!) Geschlechtsgenossinnen

Nachdem Frau O. neulich schon die Antisittenpolizei auf den Plan gerufen hatte, hat sie nun in einem Facebookeintrag nachgelegt. Sie äußert sich mit allen ihr zu Gebote stehenden Mitteln zur „Causa Domingo, Metoo und Freud“.

Besonderes Vergnügen empfinde ich an ihrem Punkt 2 aus der Aufzählung von vier „Argumenten“.

„Wie viele mehr oder minder mächtige Männer saßen Frauen gegenüber, die ihre Karriere mit Augenaufschlag und Hauchstimmchen, transparenten Blusen und minimalen Röcken beschleunigen wollten? Ein Hoch auf alle Männer, die solche Ladies ignoriert oder rausgeworfen haben. Bis heute ärgern mich Frauen, die nicht um der Liebe willen, sondern allein auf den beruflichen Vorteil bedacht ihre Reize voll eingesetzt und ausgespielt haben. Besonders niederträchtig: sich hinterher über den Chef und seine Stielaugen beschweren. Wir hart arbeitenden Kolleginnen schämen uns dieser Geschlechtsgenossinnen.“

Dabei beginnt sie mit einer Frage, über deren Zustandekommen man Fragen haben muss. Vor allem aber die nicht gegebene Antwort betreffend. Ja, wie viele Männer denn? 2, 200, 2.000.000? Ihnen gegenüber Frauen, die auf dem Weg ihrer Karriere sich befanden, wie die Autorin O. schreibt. Aber viel interessanter: Es gibt offenbar eine Kleiderordnung beim Starten von FRAUEN-Karrieren. Also, was man tragen darf, welches Auge man aufschlagen darf und in welchen Momenten. Genauso ulkig ist aber auch, dass die Wirkung jener Karriere-Kleidung nur Männern gegenüber zu verfangen scheint. Diese sollen leben „Hoch“, wenn sie diesen rohen Versuchungen von FRAUEN widerstehen und/oder diese ignorieren. Ja, wo ist denn da das Problem? Sind die Männer alle so verführbar, gibt es keine Profis mehr, denen das alles völlig egal ist. Was für ein Männerbild steckt denn da dahinter. Hier trifft also Stereotyp auf Stereotyp; in freilich unbekannter Fallzahl. Wenn es aber so ist wie Frau O. es beschreibt, ist die Sache ja nicht besser.

Reize ausspielen ist dagegen nur um der Liebe Willen gestattet. Das Nähere regelt eben eine Kleiderordnung. Wer sich, wie Frau O. behauptet, hinterher über den Chef oder die Chefin beschwert, weil er oder sie Stielaugen bekam, sei niederträchtig. Die offene Frage aber ist: Wo sind die Beispiele? Kann die Autorin ihre Argumente ein bisschen unterfüttern. So klingt alles nach Groschenroman.  Welche Disposition kann man im Klassik-Business häufiger erleben?

Über das Muster der „hart arbeitenden“ Person im Gegensatz zu, zu was eigentlich, muss man nicht reden. Wir sind sicher, dass es die gibt, die „hart arbeitenden“ Menschen – deren Gegensatz wohl der reizschmarotzde Schlamper sein muss. Von der Tellerwäscherin zur Musikjournalistin ist es da nur ein Katzensprung.

Regressives Bild des Menschen

Nun muss man nicht bestreiten, dass es genau solche Menschen gibt, wie sie Frau O. beschreibt. Alte Rollenklischees werden danach immer noch bedient. Sowohl in diesen Bildern, aber sicher auch in der Realität. Nur, dass es überhaupt so ist, dass überhaupt diese Wirkungsmechanismen noch funktionieren, das ist ja das Bestürzende daran. Aber wo und wie häufig ist genau die oben dargestellte Disposition tatsächlich festzustellen. Nur wo strukturelle und reale Macht sich so zeigt, dass sie auf diese Art und Weise sich das Verhalten der Ohnmächtigen herbeiwünschen kann, hält sie den Betrieb in dieser schiefen Lage zusammen. Das asymmetrische Verhältnis dabei stellt Maria O. mit dem Fokus auf das Betriebssystem „weibliche Reize“ auf den Kopf. Frau O. hat dabei ohnehin nur den Faktor „Sexualität“ im Blick. Das ist aber vermutlich und hoffentlich eher der seltene Fall (siehe Kulman-Interview im Standard).

Zum Schluss: Frau O.s „Argument“ vier endet so:

„Mit Scheingefechten um alternde Opernstars und ihre blöden Anmachen verdrängen wir die echten Probleme der Frauen weltweit.“

Weswegen es also zu vernachlässigende Gefechte wären? Nein, sogar nur Scheingefechte, sagt sie. Altherrenwitze sind darum auch in Zukunft kein Problem, eine Auseinandersetzung darüber würde nur ablenken von den „echten“ Problemen. Wer auf seiner schlechten Erfahrung beharrt, so muss man das wohl deuten, will sich nur wichtig machen. Schlimmer, er oder sie verdeckt damit Probleme, die man wirklich angehen müsse. Mit diesem „Argument“ kann man jede Kritik über die Klinge springen lassen. Wenn man es genau nimmt: Es war die Ursünde. Die ist Schuld.

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