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Hängt man am Haken. Foto: Hufner

Google wird unterschätzt – von allen Seiten. Oder die Frage: Wo kommen die Bots her und wo geht die Meinungsfreiheit hin

Bei den ganzen „Diskussionen“ um die Zukunft von Kreativität im Zeitalter des wilden Internet-Kapitalismus von Unternehmen, die viel von Technologie verstehen, viel von Steuerrecht (finanziell und im Sinne von Führung von Menschen), haben es Individuen, die sich in vergleichsweise kleinen Gruppen zur Vertretung ihrer Rechte zusammentun, schwer.

Dass ihnen nun auch noch Steine in den Weg gelegt werden von denen, die an ihrer Tätigkeit partizipieren, erstaunt einen dann doch sehr. Dass es ihnen nicht gelingt, aus ihrem Egozentrismus herauszutreten, einerseits, und andererseits im Gegenteil diese Personen sich auf die Seite der Mächtigen Technologieunternehmen schlagen, macht einen gerade schon unglücklich. Dabei werden schon mal Begriffe transformiert oder Texte umgelesen, die dann in ihrer neuen Leseweise zu ein Eigenleben entwickeln,

Die Geschichte: Vom Fake-Account zum Bot

Dabei taucht seit vielen Tagen (Wochen) immer wieder die Frage auf, handelt es sich bei diesen Personen um sogenannte Bots. Es ist zwar nicht die wichtigste Frage, sie steht aber im Zentrum von Demonstrationen gegen die EU-Richtlinie zum Urheberrecht im digitalen Binnenmarkt. „Wir sind die Bots“ wird offenbar ironisch zur Abwehr gesagt, weil ein einzelner Abgeordneter der CDU dies auf Twitter unterstellt hatte. Und da sagt man, ein einzelner Parlamentarier habe keine Macht. Gewiss war diese Äußerung naiv und in der Sache falsch. Aber ihr die Bedeutung zuzumessen, ein ganzes Parlament sehe das so oder weite Teile, dürfte der Sache wenig gerecht werden. Sich dagegen zu wehren, ist sehr verständlich, aber dass das zum Dauerbrenner werden könnte wohl ebenso. Es sei denn, daran fände sich auch ein Funken Wahrheit, denn von Bots ist beim Autor des Tweets ja gar nichts zu lesen. Er selbst äußerte sich später auf seiner Website dahingehend: „Leider kam es aber bezüglich des Urheberrechts in den vergangenen Wochen und Monaten genau dazu. Hinzukommt, dass die Abgeordneten des EU-Parlaments tausendfach E-Mails erhalten, die teils gar keinen Inhalt haben, lediglich aus einer Betreffzeile bestehen oder mit verblüffend ähnlichem Text. Dass dem Phänomen ein entsprechender Automatismus zugrunde liegt, ist also mehr als nur wahrscheinlich.“ (Quelle) Das kann man nachvollziehen, der Schluss, dass dies Fake-Accounts hätten sein können, kann einem dabei schon kommen, nicht jedoch derjenige, dass diese alle oder überhaupt einer von Google selbst eingerichtet worden wären.

Wir sind keine Bots. Aufruf der Piratenpartei.
Wir sind keine Bots. Aufruf der Piratenpartei.

Es wäre dies sicherlich auch eine lohnende sozialempirische Aufgabe, dem nachzugehen, wie derlei Transformationen des Sprachgebrauchs massenpsychologisch funktionieren. Man könnte daran einiges für parallele „Umschreibungen“ lernen. Aber „Wir sind die Fake-Accounts“ oder „Ich bin kein Fake-Account“ klingt nun mal nicht so gut. Die „Bots“ bleiben einem daher wahrscheinlich noch weitere zwei Jahre lang erhalten.

Google programmiert eher nicht so schlechte Bots

Bis heute wird diese Bot-Geschichte weitererzählt und nicht nur das: Darin findet sich zwar kein Argument gegen den Richtlinienentwurf, über den demnächst im EU-Parlament abgestimmt wird, aber zur Äußerung auf entsprechenden Plattformen wie Twitter & Co wie auf entsprechenden Demonstrationszügen reicht er aus. Sie ist es in weiten Teilen, die die Gruppe auch zusammenhält und zur Not in „Diskussionen“ herausgekramt wird. Die Parole lässt sich auf zweierlei Weise entkräften. Erstens dadurch, dass es Informationen darüber gibt, dass tatsächlich versucht wurde über finanzielle Anreize wichtige (?) „Influencerinnen“ im Sinne von Google sprechen zu lassen – wie weit diese dabei sowieso Ansichten vertreten, die sie auch ohne Finanzierung getan hätten, ist dabei natürlich nicht gesagt. Punkt 2 ist aber eigentlich noch wichtiger, leider aber trauriger. Eine Technologie-Firma wie Google ist selbstverständlich in der Lage „Bots“ zu programmieren. Bei denjenigen aber, die von sich sagen, sie seien Bots, dürfte das nicht der Fall sein, es sei denn man würde annehmen müssen, die Programmiererinnen bei Google wären sehr schlecht. Denn sprachlich wie argumentativ haben sie ja nicht mehr zu sagen als das, dass sie Bots seien, damit man ihnen glaube, sie seien keine. Die traurige Wahrheit ist nämlich, diese Bots, die ja nach eigenen Angaben zugleich keine sind, agieren derartig ungeschickt, inhaltsleer, repetierend. Das tun sie allerdings in großem Umfang. Wären es Bots, ließen sie sich simpel(st) umprogrammieren. Wäre KI im Einsatz, hätten sie die Möglichkeit, etwas dazuzulernen und sich entsprechend angepasst zu verhalten. All das scheint auf sehr viele dieser Bots, die keine sind, aber sich selbst so bezeichnen, um damit zu signalisieren, dass sie es gerade nicht sind (übrigens ist da nicht mal Dialektik drin), zuzutreffen. Sie agieren eher wie Automaten, die man triggert, aber nein, Bots sind das nicht

Lobbyismus vs. Lobbyarbeit als Interessenvertreterin

Was aber gesichert ist, ist, dass seitens YouTube die Möglichkeit genutzt wurde, Einfluss zu nehmen auf deren Geschäftskunden. Das ist sicher auch nachvollziehbar, denn es geht ja auch um deren Geschäftsmodell, das nicht Seite an Seite mit den Kreativen entwickelt worden ist, sich aber deren Leistungen bedient. Wer würde es anders machen. Doch auch hier wird auf Seiten der Gegner der Reform mit zweierlei Maß gemessen. Dem Lobbyismus des Technologie-Unternehmens stellt man jetzt einen Lobbyismus der in Verwertungsgesellschaften organisierten Urheberinnen entgegen (natürlich in Unkenntnis des Begriffs des Lobbyismus). Da reagiert eine Vielzahl der Gegner der Reform nach einfachen Reiz-Reaktion-Schemata. Man darf und sollte diese Userinnen nichts Bots nennen, denn dann könnten sie ja nichts dafür wie sie reagieren, obwohl sie massenhaft so reagieren und auch kundtun. Es ist eben trauriger. Sie agieren so, obwohl sie es besser wissen könnten. Eine Art Selbstbelohnungssystem sichert den Fortbestand ihrer Tätigkeit.

Es ist aber auch traurig deshalb, weil dadurch wirklich instruktive Diskussionen zu den Problemen der Richtlinie unterbunden werden. Dass es sie gibt, ist unzweifelhaft, denn solche Diskussionen habe ich (und andere auch) am Rande führen können. Und zwar mit Gewinn!

Die Sache mit der Garantie der Meinungsfreiheit

Letztes Beispiel für die Leseschwäche einiger Richtliniengegnerinnen. Was eben auch deshalb so tragisch ist, weil es vielen ja um Grundrechte geht. Dazu gehört manchen leider nicht die Grundpflicht, präzise Texte zu lesen. „Ich kann nicht dafür garantieren, dass die Maßnahmen, die Plattformen ergreifen um ihrer Haftung gerecht zu werden, hundertprozentig arbeiten und deshalb die Meinungsfreiheit auch mal eingegrenzt wird,“ hat ein Parlamentarier der EU gesagt in einem Interview. Kommentiert wird das, als habe er gesagt, er fände „es total tragbar dass ‚die Meinungsfreiheit auch mal eingegrenzt wird‘. Ernsthaft? Sowas sollte doch ein nominell demokratischer Politiker nicht von sich geben können, ohne gesteinigt zu werden!“ (So auf Facebook in einer Diskussion und dort völlig unwidersprochen; wenn schon nicht in der Sache, so hätte mn es doch im Tonfall machen können). Dabei steht da nur, dass diese Person nicht für andere etwas garantieren kann. Wie sollte er das auch können. Keiner kann das garantieren. Es gehört zur Lebenserfahrung, dass man etwas nicht an Stellen bewegen kann, auf die man gar keinen Zugriff haben kann – vielleicht mit Telepathie. Das machen Webseiten wie Netzpolitik.org, zeit.de so, Plattformen wie YT und Facebook … alle ergreifen gelegentlich Maßnahmen, die verhindern, dass Dinge erscheinen. Der Autor benennt sogar nicht einmal die Maßnahmen selbst, sondern nur „Maßnahmen“ (ob durch Menschen, Maschinen oder anderes).

Aber selbst die Piratenpartei hat Probleme beim Textverständnis. Und so wird aus dem Satz oben, die These, dass für den Parlamentarier die Einschränkung der Meinungsfreiheit kein großes Problem darstelle.

Und so wird es dann weiterverbreitet. Und die Geschichte verbreitet, auf vielen Kanälen, genügend Automaten werden getriggert, wachen auf, loggen sich ein, erzählen die Geschichte in veränderter Form weiter. Massenpsychologie in Aktion. Und dagegen kann man sich nicht wirklich zur Wehr setzen.

Könnte man jetzt fortsetzen: Begriff der Demokratie, Begriff der Öffentlichkeit, Fachbegriffe …

PS: Die wahren Bots sind bzw. waren übrigens die Bots. In echt jetzt.

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