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Technik und Natur. Traktor und Gülle. Foto: Hufner

30 Jahre Internet – Selbstkontrolle und das Elend einer kritischen Öffentlichkeit

Wenn man die Geschichte der Aufklärung bei und nach Kant betrachtet, so hatte sie es sich als Ziel gesetzt, die Menschen aus ihrer (selbstverschuldeten) Unmündigkeit zu befreien. In dieser Hinsicht muss es eigentlich gut sein, wenn Menschen viele Informationen zur Verfügung gestellt werden, diese frei verteilt und kommuniziert werden kann. Das Internet, so scheint es, ist dafür wie geschaffen. Weil es, bei immer geringer werdender Zugangsbarriere, dies ermöglicht.

Informationen werden augenblicklich bewertet, Institutionen wie Regierungen, Religionen, Gerichte, Polizeien, Presse, Rundfunke etc., die gerne einmal Instrumente der Kontrolle von Menschen gewesen sind (und auch weiterhin sind), verlieren ihre Macht, geraten eher selbst unter Verdacht und unter Kontrolle. Denn die Informationen können relativ einfach (kritisch) bewertet werden. Wer lesen kann, ist im Vorteil. Man könnte sagen: Wunderbar, endlich kritische Öffentlichkeit! Das ist die eine Seite.

Selbstkontrollgesellschaft

Die andere Seite ist weniger schön. Die Kontrollfähigkeit des Netzes und seiner Bewohnerinnen fängt an, diese Kontrolle gegen sich selbst auszuüben. Nicht nur die Institutionen sind es, die einen tracken, auch nicht die kommerziellen Angebote von Pornoplattform bis Schuhgeschäft, die Menschen setzen sich gegenseitig unter Verdacht und das konsequent, sofort und mit einem gelegentlich gerne zujubelnden Mob in der Tasche. Egal, was man in dieser Öffentlichkeit sagt, es wird gegengelesen und je nach Interessenlage kommentiert, korrigiert, aber auch diffamiert, diskreditiert, gemobbt, gestalkt – aber auch verfälscht und verfälschend verbreitet. Gerne auch von den Personen, die das sonst kritisieren. Fake News kommt nicht nur von einer fehlgeleiteten Presse.

Keine Kontrolle funktioniert besser als die „Selbstdisziplinierung“ und die gegenseitige Kontrolle von Gleichen unter Gleichen. Vielleicht ist es aber auch nur eine neue Institution, nämlich die des „sozialen“ Internets, die man zugleich selbst erst ermöglicht hat.

War nicht so gemeint …

Als Folge kommt es zur Entauthentifizierung des Netzes: Zur Strategie nämlich, nie etwas so gemeint zu haben, wie man es gesagt hat (Zwinkersmiley, AfD-Technik) und die Entscheidungshoheit behält derjenige für sich! Auf der anderen Seite dann die Technik, Dinge so zu verbreiten, wie sie nie gesagt wurden, aber angeblich gemeint sein sollten. Es wird reingelesen, was das Zeug hält und zugleich verkürzt: Dramatisierende Stille Post.

Nürnberger Trichter und Blasenalarm

Es reicht für einen fetten Aufschrei , wenn die „richtigen“ Personen beteiligt sind (Influenzerinnen, Kolumnistinnen wie beispielsweise XXbo oder XXXtenstein). Nur hat das seine fast physikalischen Grenzen, weil dort, wo viele Personen beteiligt sind, der Lärm sehr groß wird, wenn man aus seiner eigenen Blase oder Echokammer heraustreten will. Um da durchzudringen, hilft das Lernprinzip der unveränderten Wiederholung. Menschen (Gruppen, Mobs), die das perfekt beherrschen, können einiges ausrichten. Vernunft hat viele Stimmen, Dummheit wenige.

Information ist nicht gleich Wissen

Aus den schweigenden Mehrheiten, die Jean Baudrillard einmal beschrieb, sind kreischende, nervöse, konformististische Individualmassen geworden. Diese Nervosität durchflutet ganze Bereiche des Netzes, insbesondere der Teile, die man „sozial“(e Medien) nennt und die riesige Gruppen unter sich fassen. Die Zunahme der Informationsdichte ist ja leider nicht gleichbedeutend mit einer Zunahme von Wissen. Und damit auch nicht von möglicher Vernunft.

Das Rad lässt sich nicht zurückdrehen, das ist klar, es wäre auch fatal, man wollte den Versuch wagen. Man kann ebenso den Prozess nicht aufhalten, jedenfalls nicht ohne Gewalt gegen Infrastrukturen, was sich außer allerlei Gründen verbietet, nicht zuletzt aus Gründen der absoluten Unwägbarkeit der Folgen. Der Weg nach vorne scheint aber ebenso versperrt, wenn für kritische Öffentlichkeiten kein Bedarf besteht und diese sich daher nicht organisieren können, weil Diskussion und Streit nicht als sinnvolle Ziele angesehen werden, sondern Durchsetzung von was auch immer auf welche Art auch immer. Vernunft und Aufklärung sind anscheinend eben keine Geschäftsmodelle, die funktionieren (und auch das ist eigentlich nicht so verwunderlich, sondern liegt in der Sache).

Nervosität

Aber wie hält man es aus in dieser nervösen Netzwelt ohne selbst Schaden nehmen zu müssen. Wie wäre es überhaupt noch möglich, wo Digitalpakte geschlossen werden, Digitalisierung als Zauberwort der zukünftigen Kultur gilt? Denn Digitalisierung ist nämlich schon ein Geschäftsmodell!

Für ein Ausklinken ist es vermutlich zu spät. Die Spielbühne hat ihren Platz gewechselt. Ich bin ratlos.