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Das Orchester. Foto: Hufner

Das Leben ändern, nicht die Kunst

Seit einiger Zeit wird immer wieder behauptet, dass die Menschen und die Künste nicht zusammen fänden. Man macht da gewiss Unterschiede zwischen den Künsten. Bildende Kunst und Dichtung gelten als nur bedingt problematisch. Bei Musik gibt es ein Riesendurcheinander. Musikvermittlung wird eingesetzt. Denn irgendwie müssen doch Musik und Menschen einander finden. Ist es wirklich so und ist es wirklich so schlimm? Edgar Wind und Adorno haben da ganz eigene Erfahrungen beschrieben.

Bei Edgar Wind01)Edgar Wind: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1994. und bei Adorno02)Theodor W. Adorno: Ästhetik (1958/59), Frankfurt/M. 2009. habe ich einige andere Einsichten gewonnen.

In dem Kapitel über ästhetische Partizipation stellt Wind fest, dass Kunst und Leben sich auseinanderentwickelt hätten. Die Kunst sei in einer „Randstellung“ zu finden. Und die Künstler hätten alles daran gesetzt, dies auch zu wollen:

„… die Größe eines Künstlers offenbarte sich in seiner Macht, die Wahrnehmungsgewohnheiten zu zerstören und der Sensibilität neue Bereiche zu erschließen.“03)Edgar Wind, a.a.O., S. 25.

Das alles sei einer Art Welt des Experimentierens zu danken, worin sich die Künste immer mehr der Wissenschaft angeschlossen hätten.04)„… obwohl die Künstler heute viel weniger von Naturwissenschaft verstehen als im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, scheint ihre Phantasie vom Wunsch geplagt [sic!], wissenschaftliche Verfahren nachzuahmen.“ Edgar Wind, a.a.O. S.26.

Und nach der Analyse des Zustands stellt er fest:

„Es wär töricht zu glauben, dieser Tatbestand ließe sich einfach dadurch ändern, daß man ihn sich anders wünscht.“05)Wind: ebenda.

Ich denke, niemand wird heute so töricht sein, eben dies zu wollen. Obwohl man manchmal den Eindruck gewinnen könnte. Denn die Künstler haben diesen Weg nicht „aus Willkür“ (S. 27) eingeschlagen sondern seinen „zur gleichen Zeit von einer zentrifugalen Kraft erfaßt worden“ (S. 27), auch eine „glückliche Verschwörung aller Sonderlinge“ (S. 27) scheide aus.  Der „Impuls reicht tiefer als individuelle Launen.“ (S. 27)

Und dann kommt der denkwürdige Satz:

„Wenn die Kunst wieder eine Rolle im Zentrum unseres Lebens spielen soll, so wird sich zunächst einmal unser Leben ändern müssen, ein Vorgang, der von Künstlern und Kritikern allein nicht abhängt.“06)Wind: ebenda.

Eine Alternative, die einem in der gegenwärtigen Zeit ja überhaupt nicht mehr einfällt. Weil man weit weg davon ist, aufs Ganze zu gehen. Alle Formen von Management heute sind daher in gewisser Weise darauf angelegt, das Leben zu lassen wie es ist, und zwischen Leben und Ding (Kunst) eine Anpassung vorzunehmen. Was nicht passend ist, wird passend gemacht.

Das Orchester. Foto: Hufner
Das Orchester. Foto: Hufner

Das ist jedoch hilflos, denn man verkennt damit das, was Kunst auch zur Kunst macht, und ich würde sagen, vor allem zur Kunst macht. Die Unsicherheit. Das nicht Gefestigte, die Vielschichtigkeit. Wind, wenn ich es richtig verstanden habe, nennt es Schwebezustand. Dieser ist leider keiner der Behaglichkeit verspricht.

„Aber es lebt sich unbehaglich in einem Schwebezustand, und darum sind wir versucht, ihn gegen einige beschränkte, aber greifbare Gewißheiten auszutauschen.“07)Wind, a.a.O. s. 31.

Und hier setzt Adorno fort, wenn er diese Behaglichkeiten als Kennzeichen der Zeit diagnostiziert. In seinen Ästhetik-Vorlesungen von 1958/59 meint er zu erkennen, dass sowohl die Gebildeten wie die Ungebildeten „aussterben“ und „daß alle irgendwie Bescheid wissen“[ref]Adorno: a.a.O. S. 313.[/ref ]

„Irgendwie“ eben. Und deshalb ist auch zu allem sehr schnell ein Urteil gefällt. Die Schranke gegenüber einer gehobenen Kunst ist längst gefallen. Man findet gut oder schlecht. Und man kann vielleicht überredet werden, etwas gut oder schlecht zu finden. Aber der zentrale Raum, in dem Kunst stattfindet, nicht dem der Wort und Urteile, sondern demjenigen der Erfahrung, wird nicht mehr der Platz eingeräumt, der nötig wäre.

„Vermittlung“ hätte also zuerst da anzufangen, die Bedingungen dafür zu schaffen, dass man Kunst überhaupt noch erfahren kann. Sie muss dies nicht an Kunst selbst tun, das kommt später. Aber die Ermöglichung von Sensibilität steht vor ihrer Verwendung. Das geht nicht auf in einem Begriff von kultureller Bildung, diese ergäbe sich aus den Bedingungen erst.

Nicht die Kunst muss sich ändern, nicht die Krücke zur Kunst, sondern das Leben.

Und das änderte wohl alles.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Edgar Wind: Kunst und Anarchie, Frankfurt/M. 1994.
02. Theodor W. Adorno: Ästhetik (1958/59), Frankfurt/M. 2009.
03. Edgar Wind, a.a.O., S. 25.
04. „… obwohl die Künstler heute viel weniger von Naturwissenschaft verstehen als im sechzehnten und siebzehnten Jahrhundert, scheint ihre Phantasie vom Wunsch geplagt [sic!], wissenschaftliche Verfahren nachzuahmen.“ Edgar Wind, a.a.O. S.26.
05. Wind: ebenda.
06. Wind: ebenda.
07. Wind, a.a.O. s. 31.

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