Hausmeister einer Kunsthochschule 2007 – Eine Begegnung

Es war im Jahr 2007, ich war verabredet zum Gespräch mit Holger Schulze. Das ging erst schief, dann aber klappte es vorzüglich. Mir fällt da gerade beim Aufräumen der „Kritischen Masse“ ein Blogeintrag in die Hände, der deutlich macht: Die Personen, die heute rechtspopulistische Parteien wählen, die gab es damals auch. Natürlich gab es die, aber es gab keine Partei, die ihr Weltbild abbilden hätte können. Die gleichen Töne findet man heute genau so. Die Pointe ist aber auch die gleiche: Ein faktische Kenntnis in realen Dingen ist quasi nicht vorhanden.
[Reaktiviert aus der Kritischen Masse vom 28.9.2007]


Eine Verabredung zum Gespräch an einer typisch deutschen Kunsthochschule. Termin für 16:40, Raum 312. Unten an der Pforte dann freundliche Nachfrage und Anmeldung, dass man nicht wisse, wo Raum 312 sei. „Ach zu Dokter Müller wollen’se? – Nee, der is nicht da. Der war heute noch überhaupt nicht da.“ Denn der Schlüssel hängt im Schlüsselschrank.

Sag ich, mache nichts, sei ja auch noch zu früh da. Herr Müller werde schon kommen, denn wir seien verabredet. Und dann laufe ich an den Aushängen vorbei, blicke in die leere Cafeteria. Studenten geben Schlüssel ab beim Hausmeister. Er geht vor die Tür, eine rauchen. Sagt beim Rausgehen, ich solle bloß nicht einschlafen. Eine Frau gibt den Schlüssel, ob sie Italienerin sei, fragt er, nein, Griechin sei sie und sie habe letzten Sonnabend geheiratet.

Langsam wird es 17 Uhr und ich ärgerlich, dass Herr Müller nicht aufkreuzt. Gehe nochmal zum Hausmeister, frage ihn, ob es da nicht eine Sekretariat gibt, das man anrufen kann. Gibt es, aber das sei jetzt nicht mehr besetzt. Nun stehe ich vor ihm und er fängt ein Lamento über die Studenten an, die teilweise so arrogant seien, das könne man sich gar nicht vorstellen. Überhaupt sei ihm schleierhaft, was dieses Studieren bringen soll. So viele Leute werden ausgebildet, um dann keinen Arbeitsplatz zu finden, das könne man sich doch ausrechnen.

Dann beginnt der Staatskundeunterricht. „Wissen Sie, wir leben nicht in einem Rechtsstaat, wissen sie? Und auch nicht in einer Demokratie. Nein, sondern in einer Diktatur.“ Ich will fast bei allem zustimmen, warte aber ab. Er habe mit der Merkel höchstpersönlich gesprochen und die habe da auch keine Antwort drauf gewusst, meint er. Er habe früher mal beim Finanzamt Spandau gearbeitet, sagt er. Da sei so ein Türke gekommen, mit zwei Handys in der Hosentasche, ungelogen einer fetten goldenen Kette und der stieg natürlich aus einem Mercedes aus. Aber konnte kein Wort deutsch. Den habe man empfangen und hoffiert, seine Anträge ausgefüllt und am Ende bekam der eine Karte, mit der konnte er sich Geld ziehen. Das soll unsereiner mal machen.

In dem Moment klingelt eines von meinen zwei Mofiltelefonen. Herr Müller ruft an und fragt, wo ich denn sei, wir wären um 16:40 verabredet, meinte er am Telefon. Ja, das sei mir bekannt, sage ich und frage ihn, wo er denn sei. Na, Dingsdenburger Str. 45, in Raum 312, meint er. Das ist toll, ich bin beim Pförtner, der meinte, sie seien noch gar nicht eingelaufen. Ich komme sofort hoch, sage ich und frage den Hausmeister, wo Raum 312 sei. „Dort in den Fahrstuhl, dritter Stock, Sie werden es nicht verfehlen.“ Und ich gebe ihm keine Chance, noch mehr dazu zu sagen.

Das Haus verlasse ich nach kurzem, ignorant-arrogant stechendem Blick in Richtung Hausmeister-Loge gegen 17:45.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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