Frühe Amerika-Kritik bei Tocqueville

Alexis de Tocqueville hat mit seinen Schriften „Über die Demokratie in Amerika“ eine erste große Schrift der Neuzeit mit soziologischem und politikwissenschaftlichem Anspruch geschaffen. So wie Engels 1845 den englischen Slums nachspürte und die sie umgebenden gesellschaftlichen Ketten bezeichnete ohne zugleich „die“ Theorie daraus zu entwickeln, hat Alexis de Tocqueville die 1830/40 mit der amerikanischen Gesellschaft gemacht. Von Kennern der Materie wird dieser Text als geradezu prophetisch gelobt. Aber die Stärke liegt in der Beschreibungsgenauigkeit, die eigene Wertungen weitgehend ausspart. Amerika liegt bei Tocqueville wie unter einem Mikroskop mit größtmöglicher Tiefenschärfe. An einer Stelle kommt er zu einer für mich ebenso erstaunlichen wie naheliegenden These: „geistige Freiheit ist in Amerika unbekannt“ schreibt er im Kapitel über den „Einfluss der Mehrheit auf das Denken“. Das leitet er wie folgt her.

„Die unumschränktesten Herrscher in Europa können heutzutage nicht verhindern, daß gewisse Gedanken, die ihrer Autorität abträglich sind, in ihren Staaten heimlich umlaufen und bis nahe an den Thron dringen. In Amerika ist das anders: solange die Mehrheit noch zweifelt, wird diskutiert, aber sobald sie sich unwiderruflich erklärt hat, verstummt alles, und Freunde wie Feinde scheinen sich dann gemeinschaftlich vor den Wagen der Mehrheit zu spannen. (…)

Ich kenne kein Land, in dem im allgemeinen weniger geistige Unabhängigkeit und wirkliche Diskussionsfreiheit herrscht als in Amerika. (…)
In Amerika zieht die Mehrheit einen drohenden Kreis um das Denken. Innerhalb dieser Grenzen ist der Schriftsteller frei; aber wehe, wenn er sie zu überschreiten wagt! (…)

Die Macht, die in den Vereinigten Staaten herrscht, duldet das [Widerspruch, selbst vor Hofe] nicht. Der leichteste Vorwurf berührt sich unangenehm, die geringste verletzende Wahrheit bringt sie auf; man muß alles loben, von ihrer Ausdrucksweise bis hin zu ihren echten Tugenden. Kein noch so berühmter Schriftsteller kann sich dieser Verpflichtung, seine Mitbürger zu beweihräuchern, entziehen. Die Mehrheit lebt daher in andauernder Selbstbewunderung; nur durch Ausländer oder durch die eigene Erfahrung kommen den Amerikanern gewisse Wahrheiten zu Ohren. (…)

Die Inquisition hat niemals verhindern können, daß in Spanien Bücher umliefen, die der Religion der Mehrzahl widersprachen. Die Herrschaft der Mehrheit in Amerika kann es besser: sie hat sogar den Gedanken getilgt, sie zu veröffentlichen. Man trifft in Amerika Ungläubige, aber der Unglaube findet dort sozusagen keinen Mund.“01)Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1985, S. 150-153.


Zuerst erschienen in der Kritischen Masse im Juli 2004.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Alexis de Tocqueville, Über die Demokratie in Amerika, Stuttgart 1985, S. 150-153.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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