Kein ECHO aus der Echokammer der Musikindustrie. Oder: Über die deutsche Mehrheit

Der Musikpreis der Musikindustrie, der Echo, der hat jetzt sogar eine eigene Seite mit Fragen und Antworten. Man ist bemüht um Aufklärung. Viele Frage werden in den sozialen Netzwerken ja auch immer wieder gestellt und da kann man bequemerweise nun auf strukturierte Antworten verweisen. Die Antworten sind durchaus heiter im Tonfall. Man muss die sozialen Mediennutzer da abholen wo sie sind. Nämlich bei ihrer tippfritzeligen sturmerprobten Nervosität. Die Idee ist gut. Die Durchführung ist eigenartig.

So lautet die Antwort auf die Frage bzw. These: Letztendlich geht es doch nur um reinen Kommerz. [Das ist so abgründig wie alltäglich formuliert „doch“ „nur“ „reiner Kommerz“ – als gäbe es doch auch mindestens der unreinen Kommerz.]

Ja genau und das im positivsten aller Sinne! Unsere Gewinner und Nominierten sprechen die breite Masse an – die deutsche Mehrheit, um genau zu sein. Das bringt sie an die Spitze der Charts und damit in unsere Shortlist. Manch einer nennt es Kommerz, wir nennen es Erfolg. Und wir finden, Musiker sollen für ihren Erfolg belohnt werden, alles andere wäre brotlos und von Luft & Liebe allein wird niemand satt.

Das ist ein mentaler Brückenbau der „Sinne“ sondergleichen. Kommerz ist Kommerz, weil Kommerz Kommerz ist. Wer erfolgreich ist, hat eine breite Masse zur Grundlage (nämlich die deutsche Mehrheit) – dazu gleich! – und Erfolg muss natürlich belohnt werden (gemeint ist aber: sollte nicht bestraft werden). Denn wer erfolglos ist, ist auch wahrscheinlich brotlos und muss von Luft & Liebe sattwerden. Ja, so etwa – könnte auch von Jens Spahn sein.

Speziell die „deutsche Mehrheit“ sollte aber schon mal genauer unter die Lupe genommen werden. Wo ist sie, die deutsche Mehrheit eigentlich? Ist das die, die als Masse immer breit ist? Gemeint dürfte sein: die höchste Zahl von Käufern von „Musik“ in Deutschland (ob physisch oder latent unphysisch-digital). Natürlich werden dabei auch die mitgezählt, die nicht „deutsch“ in ihren „Dokumenten“ stehen haben. Aber man muss die Sache ja nicht unnötig kompliziert machen. Ich verstehe das. Mit etwas Reduktion will man etwas sagen, was jedes natürlich dem Lesestrom folgende Individuum implizit auch versteht.

Um das „Deutsche“ muss man sich keine Sorgen machen. Eher um die Mehrheit. Denn das impliziert eine Mehrheit. Es gibt Mehrheiten mit mehr oder mit weniger Mehrheiten. Auf jeden Fall sind mehr immer mehr als wenigere. Aber Vorsicht: Im Sprachgebrauch kennt man das von Abstimmungen oder Wahlen her. Der Antrag fand keine Mehrheit. Da geht es um absolute oder relative Mehrheiten.

„Die Gewinner und Nominierten sprechen die deutschen Mehrheiten an.“

So ließe sich das mal einkürzen. Das ist jetzt: Nicht wirklich was Neues. Man wird davon ausgehen können, dass die meisten Künstler gerne eigentlich fast jeden ansprechen wollen – und nur selten auch mal wen explizit nicht ansprechen. So wird das leider nix. Da ist ein Fehler. Mit „Ansprechen“ wird hier sicher ein „fühlen sich angesprochen“gemeint sein. Fühlen sich angesprochen äußert sich wie: Dass man die Musik kauft, um sie anzuhören, auf physischem Tonträger oder am Streamingdienst virulent-latent ihr sein Ohr leiht. Ein Mehrheit bedeutet in diesem Zusammenhang aber nicht, dass es mehr wären, die diesen Kaufschritt tätigen im Gegensatz zu denen, die die Sachen nicht gekauft haben. Aber!:! Auszuschließen ist das nicht.

Erfolg ist relativ. Foto: Hufner

Erfolg ist relativ. Foto: Hufner

Die deutschen Mehrheiten sind gewöhnlich ebenso [deutsche] Minderheiten. Und die erfolgreichen Künstler sind eben finanziell erfolgreich, relativ zu anderen Künstler, die das nicht sind. Und das ist eben Kommerz. Aber eben doch nicht zwingend im „positivsten Sinne“. Sondern im Sinn der Konstruktion einer Musikindustrie. Das ist nicht toll, das ist nicht schlimm. Das ist meistens völlig egal.

Nicht ganz: Aber Kritik am „Kommerz“ ist immer auch etwas billig. Kommerz kommt ja wo her und ist keine Erfindung der bösen kapitalistischen Industrie! Deshalb noch ein Wort zu Sonntag von TWA in Sachen Kommerz und so.


Und als Wort zum Sonntag:

„Indem sie [die Kulturkritik, MH] jedoch bei der Verfilzung von Kultur mit dem Kommerz stehenbleibt, hat sie an der Flachheit teil. Sie verfährt nach dem Schema der reaktionären Sozialkritiker, die das schaffende gegen das raffende Kapital ausspielen. Während aber in der Tat alle Kultur am Schuldzusammenhang der Gesellschaft teilhat, fristet sie ihr Dasein doch nur, wie, der ›Dialektik der Aufklärung‹ zufolge, der Kommerz, von dem in der Produktionssphäre bereits verübten Unrecht.“
[Band 10: Kulturkritik und Gesellschaft I/II: Kulturkritik und Gesellschaft. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 7402 (vgl. GS 10.1, S. 19)]

Und wie man sich das vielleicht vorzustellen hat, sagt Adorno an anderer Stelle zu Mahlers Musik:

„Nicht trotz des Kitschs, zu dem sie sich neigt, ist Mahlers Musik groß, sondern indem ihre Konstruktion dem Kitsch die Zunge löst, die Sehnsucht entbindet, welche der Kommerz bloß ausbeutet, dem der Kitsch dient.“
[Band 13: Die musikalischen Monographien: II Ton. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 10640 (vgl. GS 13, S. 189)]

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

Das könnte Dich auch interessieren...