Die AfD will sich selbst abschaffen – aber nicht einmal das gelingt ihr

Die AfD schafft sich ab, das ist ihr Ziel, das sie aber nicht konsequent verfolgt. In ihren Texten zum Thema Kultur und Medien gibt sie es ja zu:

„Dauerhafte existierende Parallelgesellschaften führen sehr oft zu innenpolitischen Konflikten und können letztlich sogar den Zerfall eines Staates bewirken.“ [Quelle AfD]

Warum also protegiert sich die AfD mit ihrer Agenda als Parallelgesellschaft, die doch nach AfD-Auffassung diese zerstörerische Wirkung hat? Man kann es nicht anders verstehen als ein Angriff auf ihr eigenes politisches Treiben. Mit gleichem Verve sucht sie zur Zeit ja auch die Nähe zu Pegida und Co.

„Sie [die Multi-Kultur, AfD (aber eben auch die AfD selbst] löst die Gemeinschaft auf und befördert die Entstehung von Parallelgesellschaften.“ [Quelle AfD]

Und sie macht politische Organisationen wie die AfD möglich. Klarer kann man nicht ausdrücken, was das politische und gesellschaftliche Ziel dieser Partei ist. Sie will eine Einheitskultur, eine autoritäre Gleichschaltungskultur, sie will ihre eigene Parallelgesellschaft durchsetzen als alleinige Form von gesellschaftlicher Kultur. Das hat mit dem Grundgesetz in der Tat wenig zu tun, das eben zahlreiche Freiheitsrechte garantiert und nicht das Dogma der Einheitsdenke. Konsequent wäre es nach der ideologischen Bestimmung der AfD zumindest, sich aufzulösen – oder aber den Umsturz durchzusetzen. Ersteres wäre immerhin legitim, letzteres eine Sache für den Verfassungsschutz.

Inkonsequent ist es daher seitens der AfD, sich auf den Standpunkt zu stellen, mal folge der Idee einer Leitkultur.

„Diese fußt auf den Werten des Christentums, der Antike, des Humanismus und der Aufklärung. Sie umfasst neben der deutschen Sprache [übrigens ja eine Errungenschaft der Antike :), MH] auch unsere Bräuche und Traditionen, Geistes- und Kulturgeschichte.“ [Quelle AfD]

Ein Gemisch verschiedener kultureller Ansprüche und Werte wird da aufgezählt – so als ob man diese Werte fixieren könnte, dabei handelt es sich auch dabei schon um Gemische mit starken und schwachen Inhalten, ist eine willkürliche Setzung. Was denn anderes wäre dies als „Multi-Kulti“ [AfD], was sie selbst als „Nicht-Kultur“ schlussendlich bezeichnen. Deutschland war immer schon aus sich heraus ein vielfältig durch seine Geschichte geprägtes politisches Gebilde oder eine Konstruktion; die Grenzen fließend, die Verbünde wechselnd. Die letzte politische Initiative, die den Versuch unternahm, Deutschlands Kultur auf ein Leitbild zu fixieren hat die Welt und auch Deutschland selbst an den Abgrund geführt und größtmögliche Schuld auf sich geladen.

Wie engstirnig und gefährlich also die Einheitskultur der AfD aussähe, man mag es sich nicht ausmalen, sieht es aber längst deutlich an entsprechenden Staatsgebilden auf der aktuellen Landkarte.

Zur Erinnerung hier ein Text von Braudel, der zeigt, was der kulturelle Austausch in der Geschichte schon bewirkt hat.

„Denn lange schon ist das Mittelmeer Schnittpunkt verschiedener Welten. Seit Jahrtausenden strömt hier alles zusammen, wirbelt die Geschichte durcheinander und bereichert sie: Menschen, Lasttiere, Wagen, Waren, Schiffe, Ideen, Religionen, Lebenspraktiken. Und Pflanzen. Man glaubt, es seien Mittelmeergewächse. Aber abgesehen vom Ölbaum, vom Wein und vom Getreide — autochthonen, jedenfalls schon früh hier heimischen Pflanzen — stammen die meisten aus fernen Gegenden. Käme Herodot, der Vater der Geschichtsschreibung, der im 5. Jahrhundert vor Christus gelebt hat, heute als einer der ungezählten Touristen hierher zurück, er würde eine Verblüffung nach der anderen erleben. Ich stelle ihn mir vor, schreibt Lucien Febvre, »wie er seine Reise ums östliche Mittelmeer nochmals unternimmt. Wie würde er sich wundern! Diese schimmernden Früchte in den kleinen dunkelgrünen Bäumen, Orangen, Zitronen, Mandarinen, er könnte sich nicht erinnern, sie zu seinen Lebzeiten gesehen zu haben. Wahrhaftig, sie stammen aus dem Fernen Osten, die Araber haben sie eingeführt. Und diese ganz absonderlichen, stacheligen Pflanzen, blütenbestandene Pflanzenschäfte eigentlich, die merkwürdige Namen tragen, Kaktus, Agave, Aloe, und der Feigenbaum — auch sie hat er nie zuvor zu Gesicht bekommen. Wahrhaftig, sie stammen aus Amerika. Und die großen Bäume mit hellem Blattwerk haben zwar einen griechischen Namen: Eukalyptus, aber noch nie ist ihm ein solches Gewächs begegnet. Du liebe Zeit, sie stammen aus Australien. Auch die Zypressen sind ihm unbekannt, ihre Heimat ist Persien. Das ist freilich erst das Augenscheinlichste. Welche Überraschungen erwarten ihn, wenn er auch nur eine Kleinigkeit ißt — ob Tomaten, die aus Peru, oder Auberginen, die aus Indien stammen, so wie der Nelkenpfeffer aus Guayana und der Mais aus Mexiko, und der Reis ist ein Geschenk der Araber, ganz zu schweigen von den Bohnen und der Kartoffel, auch dem Pfirsich, der ursprünglich aus chinesischem Gebirge über den Iran zu uns kam, und schließlich dem Tabak«. Dennoch ist das alles zum Kennzeichen der Landschaft des Mittelmeers geworden: »Die Riviera ohne Orangenbäume, die Toskana ohne Zypressen, eine Marktauslage ohne Paprika … wäre das für uns heute nicht völlig unbegreiflich?« (Lucien Febvre, Annales, XII, 29)

Und wenn man ein Verzeichnis der mediterranen Bevölkerungen erstellte, der Menschen, die an den Gestaden des Mittelmeers geboren wurden oder Nachkommen derer sind, die einst hier zur See fuhren oder die terrassenartigen Haine und Felder bebauten, sowie der Neuankömmlinge, die allmählich in diesen Raum eindrangen, gewönne man nicht den gleichen Eindruck, den die Vielfalt seiner Pflanzen und Früchte in uns hervorruft?“

Braudel, Duby, Aymard: Die Welt des Mittelmeeres – Zur Geschichte und Geographie kultureller Lebensformen, Frankfurt 1987, S. 8 f.

Nun wissen wir, dass sich das Programm der AfD noch nie durch besondere Konsistenz ausgezeichnet hat. Und wir wissen auch, dass die AfD keines ihrer Ziele konsequent bis zum Ende denkt. Deswegen ist es natürlich illusorisch zu glauben, dass die AfD auflösen wird. Sie wird sich als Parallelgesellschaft und -kultur versuchen zu installieren. Das ist ihr immerhin gelungen. Das ist ihre Leistung. Dankbar sein braucht ihr dafür allerdings nicht. Aber wie soll man eine Partei politisch ernst nehmen, sie sich selbst nicht ernst nimmt. Es geht nicht. Es sei denn man gehört dieser Partei selbst an und lebt in dieser Wahnvorstellung. Und das hat nicht einmal mit Resten dessen zu tun, was sie selbst als Leitkultur proklamiert: Aufklärung! [Was Vernunft ist, bestimmt der AfD-Staat.] Humanismus! [Wer Mensch ist, bestimmt der AfD-Trupp.] Antike! [Was Logik ist, bestimmt die AfD]. Etc. pp.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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1 Antwort

  1. Februar 24, 2018

    […] Eine Entsorgungsmentalität und eine Exklusionspolitik gehört da einfach nicht zu Deutschland für die die AfD auftritt und sich selbst damit nur meinen könnte. […]