Aus dem Leben eines Taugenichts: Theodor W. Adorno nach Tilmann Krause [Die WELT]

„Selbst die Studenten, die sich gegen ein Gomringer-Gedicht an der Wand ihrer Hochschule empören, weil es angeblich sexistisch ist, sind in dieser Hinsicht Kinder von Adorno, auch wenn sie den Namen nie gehört haben sollten.“ [Quelle: Die Welt. Tilmann Krause: Der Meisterdenker der 68er taugte einfach nichts]

In welcher Hinsicht? „Die Beurteilung eines Kunstwerkes nach moralpolitischen Kriterien.“ Der so argumentiert will damit die Untauglichkeit des Meisterdenkens eines Theodor W. Adorno darstellen. Und hat damit vollkommen ins Weiße getroffen. Man kann nun einfach einmal 1. Adorno nicht über seine philosophische Entwicklung en bloc analysieren und man kann 2. nicht moralpolitische Kriterien als Beurteilungsmethode Adornos entdecken. Das setzte voraus, er habe diese eigenartige Beurteilungsmethode als Grundlage gesehen. Bei jemandem jedoch, der aus den Werken herausliest, was sich in ihnen darstellt, weil sie so oder so gemacht sind und von da zurückgeht, ob sie darin „stimmig“ sind oder nicht, ist die „Analyse“ Krause kraus bis absurd. (Ehrlich gesagt, versagt vor so viel Unterstellung auch der Rest einer Korrektur („Kinder von Adorno, auch wenn sie den Namen nie gehört haben sollten“) – also wie Krause Kind von Björn der Brezel ist, auch wenn er den Namen noch nie gehört haben sollte? Jedenfalls ist Krause mindestens kein Kind von Traurigkeit sondern von ignoranter Dummheit.

Das könnten zwei kleine Zitate aus Adornos letzter Schrift, der Ästhetischen Theorie, unmittelbar klar machen.

„Nichts ist begriffen, dessen Wahrheit oder Unwahrheit nicht begriffen wäre, und das ist das kritische Geschäft.“ [Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4037 (vgl. GS 7, S. 194)]

„Der geistige Gehalt schwebt nicht jenseits der Faktur, sondern die Kunstwerke transzendieren ihr Tatsächliches durch ihre Faktur, durch die Konsequenz ihrer Durchbildung.“ [Band 7: Ästhetische Theorie: Ästhetische Theorie. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 4040 (vgl. GS 7, S. 195)]

Es ist eben nicht da ein oberster Kunstpolizist, als den ihn Krause installieren möchte, um ihn darauf festzunageln und gleichzeitig zu demontieren. Darum aber geht es Krause, der ihn natürlich nur dann überhaupt angreifen kann, wenn er Adorno zuvorderst als „Meisterdenker“ qualifiziert und disqualifiziert.

Nur so kann er überhaupt die Gomringer-Sache einführen. Dass es Krause nicht um die Sache selbst geht, zeigen auch die beiden Fotounterzeilen, die den Blick der Leserinnen in die Irre führen sollen: „Oh, Gott! Lese ich da etwa gerade was Schönes? Schreckensstarr blickt der Kultursoziologe Theodor W. Adorno von der Lektüre hoch“ und „Elegant geht anders: Theodor W. Adorno in seinem Frankfurter Professorenzimmer“.

Eigentlich wäre der Text von Krause nicht der Rede wert, wenn er nicht zugleich in einem Gesamtzusammenhang der meinungspolitischen Ideen der WELT-Redaktion stünde. So hatte als Gastautor Marco Buschmann neulich schon seinen Gedankenlosigkeitsmüll über die 1968er ausgeschüttet.

Die Methode des Tilmann Krause ist so bestechend in ihrer Handhabung wie dürftig im Ergebnis. Wer da nichts taugt? Das weiß der Autor am besten, aber die Wahrheit hält er – denkt er wenigstens – geheim.

Joseph Werner: Diana von der Jagd ausruhend. 1663, Guache, 11,7 × 16,7 cm.

Joseph Werner: Diana von der Jagd ausruhend. 1663, Guache, 11,7 × 16,7 cm.

 

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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