Das Denken überwinden! Eine Anleitung von Marco Buschmann (FDP)

Ach, wenn doch die Kritiker der sogenannten „68er“ nur nicht so hinterhältig wären. Da gab es gestern einen Text in der WELT, in der der parlamentarische  Geschäftsführer der FDP-Fraktion im Bundestag, Marco Buschmann, als Autor herbeigeholt wird und einen „Essay“ abliefert mit der Überschrift: „Das Denken der 68er endlich überwinden.“ Na, Amen.

Das erstaunt auf der Stelle. Nicht nur, dass sich da die These transportiert, es gäbe da überhaupt „ein“ Denken der 68er, sondern dass man dieses zu überwinden habe. Ein Denken überwinden. Haben Sie heute schon einmal Ihr Denken überwunden? Fangen Sie damit sofort an. Denken ist zu überwinden, auch eines, das so gar nicht exisitiert. Gemeint ist wahrscheinlich, dass man Entwicklungen, die aus den Bewegungen, die im Umfeld der 68er Jahre sich öffentlich in Position gebracht haben, als ideologisch, als falsch oder als idiotisch erwiesen haben sollen, ad acta legen möge.

Diffamierung durch Sprache

Buschmann verfehlt sein Ziel sowieso, wenn auch die ersten Kommentare zu seinem „Text“ ihm zustimmend zuzwinkern. Das macht die Sache nur ärgerlicher, aber nicht besser und richtiger. Man muss gar nicht tief in die Argumente Buschmanns einsteigen, das Vermischen von Typen-Namen wie Derrida, Popper, Dahrendorf und Dutschke eingehender analysieren. Das alles ist geschichtlich gesehen absurd genug und von wenig Sachkenntnis getrübt. Nur ein Beispiel werde ich erwähnen, das aufzeigt, wie Buschmann durch Sprache zu diffamieren versteht. Er schreibt da unter anderem:

„Alles, was politisch unerwünscht war, wurde rechts genannt: Markt und Wettbewerb zum Beispiel. Ist das nicht besonders widersinnig? Denn politische Linke wie Rechte sind sich weltweit in nichts so nahe wie ihrer gemeinsamen Skepsis gegenüber Markt und Wettbewerb. AfD und Linke polemisieren gemeinsam gegen Freihandelsabkommen wie TTIP und Ceta.“ [Quelle: Die Welt]

Für den ersten Satz, der behauptet,  dass „man“ (also die 68er) Markt und Wettbewerb als rechts ablehne (wo nicht sowieso an sich) muss er Belege natürlich nicht anführen. Die würden nur ablenken. Buschmann hat die 68er eben einfach verstanden. Er versteigt sich dann aber so sehr, dass man das als „politisch unerwünscht“ deklarierte und also auch alles politisch Unerwünschte als „rechts“ benennt und in der denkbefreiten Schublade verstaut.  Denken der 68er überwinden kann hier nur heißen, dass man zur Erklärung zunächst einmal vor allem grob verallgemeinernd vorgehen müsse. Also zumindest in diesem Punkt genauso verallgemeinernd wie diejenigen, denen man glaubt, es ihnen vorwerfen zu können  (oder zu müssen). „Überwinden“ kann hier nur „Wiederholen“ bedeuten. Freilich mit dem Nachteil der argumentativen und faktischen Leere in der Sache.

Im nächsten Atemzug macht Buschmann die denkreduzierte Rechnung auf: Skepsis gegen Markt und Wettbewerb sei aber Rechten wie Linken eigen. Belegt wird das durch den Standpunkt zu TTIP und Ceta, den Freihandelsabkommen, gegen die „man“ von Seiten dern Linken wie die AfD nicht nur polemisiere, sondern eben „gemeinsam“ polemisiere. Gemeinsam, also eher zusammen als auseinander. Derartige Koalitionen wird man sicher in ganz verschiedenen Situationen finden. Einen gemeinsamen Gegner zu haben, heißt ja nicht, dass man die gleichen Vorstellungen teilt. Die Allianz der Allierten im Zweiten Weltkrieg aus Roosevelt/Truman-Churchill-Stalin machte sie natürlich nicht zu Verbündeten im Geiste.

Davon unabhängig ist es einigermaßen eigenartig wie der Sprung von 68 nach 2018 zur AfD geplant wird. Das aber ist in Wirklichkeit eher ein Stolpern vor Komplexität. Die Sache ist ein alter, gleichwohl dummer Hut. Auf dem Sperrsitz der nmz hatte ich dazu schon manches geschrieben. Auch wenn der Autor ein anderer war, wenn auch in der WELT, so hat doch Olaf Zimmermann damals wie heute Recht, wenn er den Spieß umdreht:

Buschmann will Denken überwinden

Ein parlamentarische Geschäftsführer der FDP will das Denken der 68er überwinden. Aber die Mindestvoraussetzung dafür, nämlich DENKEN, bekommt er nicht auf die Kette. Wie traurig für die Partei. Wenn die Partei genauso engstirnig agiert wie ihr parlamentarischer Geschäftsführer, dann kann man sie nicht mehr weiter ernst nehmen. Jemanden wie Ralf Dahrendorf jetzt zu akquirieren ist nahe an der Geschmacklosigkeit. Genauso wie die 68er-Zeit auf die BRD zu reduzieren ist absurd. Letztes Beispiel, fast unkommentiert.

„Die Gesamtschule bekam 1968 in West-Berlin ihr erstes Modellprojekt und war fortan das Experimentierfeld für leistungsintegrativen Unterricht – also die institutionalisierte Absage an die Unterscheidung verschiedener Leistungsniveaus.“ [Quelle: Die Welt]

Das steht da, völlig ohne Zusammenhang. Ohne Kommentar. War 68 schneller als sein Schatten? Begriffen von der Idee der Gesamtschule hat Buschmann allerdings gar nichts. Denn was er meint, aber sich schon so sicher ist, es nicht mehr sagen zu müssen: Eine solche Schule, die den Wettbewerb nach den Regeln seiner FDP nicht fördert, ihn vielleicht untergräbt – oder sagen wir es anders herum, überwindet, darf nicht sein.

Verfallsdatum abgelaufen

Sein Überwinden endet in der „konservativen Revolution“, die so, wie er, Buschmann, es proklamiert, doch eher in einer konservierenden endet. Da kann ich nur sagen: Verfallsdatum abgelaufen. Dahrendorf hätte daran keinen Spaß gehabt.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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