Die Neodigitalen

Es wird immer klarer, dass man der Gruppe der Neoliberalen eine weitere Gruppe hinzufügen muss, die man als die Neodigitalen bezeichnen wird. Hierbei handelt es sich um Influencer aus der Welt der socialen Medien, die die technischen Entwicklungen des Internets beinahe kritiklos begleitet und all diejenigen, die auf Gefahren und Probleme hinweisen, als Spielverderber ansehen.

Sie springen auf jeden hypen Zug auf und fordern einen totalen Digitalisierungsschub. Das Nichtdigitale ist dagegen dem Untergang geweiht. (Irgendwie) Mitmachen ist eine unvermeidliche Konsequenz.

„Den Salat hat man jetzt: Alle sind längst in der digitalen Welt angekommen, die meisten davon unfreiwillig. Das Mitschneiden menschlicher Bewegung (in jeder Form; topologisch, emotional) durch die Abspeicherung und Abbildung in unzugänglichen Datenbanksystemen verdoppelt das eigene Leben. Und bald wird man nicht wissen, welches Leben dabei das tatsächllche ist, das jemand selbst führt.

Man selbst fühlt sich vielleicht ja noch einigermaßen mit sich selbst verbunden, glaubt sich selbst in der Hand zu haben; was aber ist mit den Daten, die da gesammelt werden, wie leicht sind sie manipulierbar, denn überschaubar sind sie überhaupt nicht mehr.

In der digitalen Welt ankommen heißt, sein Leben abzugeben.“

[Eine Erinnerung aus der Kritischen Masse von 2013 übrigens.]

Man kann es aber auch aus dem Blick der Neodigitalen sagen und muss dann feststellen: Auch die Menschenrechte sind einfach nicht im digitalen Zeitalter angekommen. Helmuth Plessner über Dichten und Denken in der Zeit der „Utopie der Maschine“ (1924).

„So um 1860 ist die Masse da, uniform durch die Arbeit, uniform, weil übermüdet, im Genuß. Jenes Publikum, das nicht mehr mitkann, aber kollektiv den Anspruch erhebt, für voll genommen zu werden, zwingt den Dichtern und Denkern eine neuere, gröberer, eindringlichere und stimulierende Sprache ab. Bürgerliche Industriewelt steht gegen vereinsamte Musiker, Maler, Schriftsteller, gegen Bildungswelt; die unpersönliche Unternehmung, tausendfältig verfilzte Masse von Produzenten, Maklern, Abnehmern gegen die einzelnen Kopfwerker, Handwerker, Hüter der Bildung; will Erholung vom Tag, Unterhaltung, Aufrüttelung, das Außergewöhnliche im Leichten und Schweren. Sie bekommt, was sie will: die Illusionsoper mit den blonden Heldentenören und den glutvollen Altstimmen, mit der heroischen Lehre und der hinreißenden Sturmgewalt ihrer Handlung. Sie bekommen ihre Maler, die ihnen sogar die Natur interessant zu machen wissen, Dichter ihrer Probleme, ihrer typischen Skandale, die Philosophen ihrer Resignation und ihrer Selbstglorifizierung.

Zu nächst opponieren die Menschen des Geistes, dann fühlen sie das Verhängnis einer von ihren Maschinen, Erfindungen, Entdeckungen in Fesseln geschlagenen Welt, sie wittern das Ende.“01)Helmuth Plessner: Die Utopie der Maschine, in: ders.: Gesammelte Schriften X, Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Frankfurt/M., 2003, S. 33.

Natürlich kann heute ein jeder alles bekommen, was ihm seine Szene aufbereitet. In Zukunft wird das – dank der Segnungen des Digitalen – noch einfacher sein und dazu bedarf es dann nicht einmal mehr blonder Heldentenöre oder schmatzender Supertalente. Die Neoliberalen setzen alles auf die vollkommene Prothese, die für jeden eigens angefertigt ist und ihm sein Gefängnis und Verhängnis als Erlösung und Hilfsmittel offeriert.

Michel Serres hat 2008 von den Daten als einer fünften Macht gesprochen. Die Neodigitalen glauben noch, dass sie diese im Griff hätten, den sie mitgestalten können. Ein trauriger, vielleicht fataler Irrtum. Aber ausweglos. Vielleicht kann man versuchen, zu überwintern.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Helmuth Plessner: Die Utopie der Maschine, in: ders.: Gesammelte Schriften X, Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Frankfurt/M., 2003, S. 33.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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