Kommunikativer Kapitalismus

Durchgedreht alle, äh: einige. Heute kann man den größten Blödsinn von sich geben und es werden sich Menschen finden, die diejenigen, die den Blödsinn benennen als „politisch korrekt“ abtun und den Blödsinnautoren in Schutz nehmen mit dem Hinweis: „Man wird das ja wohl noch mal sagen dürfen.“ Wer das kritisiert hat dann eiligst den Stempel aufgedrückt, er zensiere Meinungen. Gerne verbunden mit dem Hinweis, wenn den Blödsinn mehrere Personen bemerken, jetzt hetze denjenigen eine Meute.

Nein, man darf also nicht mehr Kritik am Blödsinn üben. Man hat den hinzunehmen, denn „politisch korrekt“ ist Zensur. Kein Kritiker nimmt für sich das Attribut des „politisch korrekten“ in Anspruch. Sondern es wird ihm zugeschrieben wie jenes des „Gutmenschen“. Man begegnet der Kritik in der Sache nicht mehr mit Argumenten in der Sache, sondern mit einem aufgeblähten Gefühlsausbruch.

Dabei hat die Angelegenheit noch mindestens einen zweiten Haken. Tauschen wir den Begriff des Politischen gegen den des Mathematischen aus. „2 plus 5 ist gleich 23“, sagt der eine, der andere sagt: „Nein, ist eher 7“ – jedenfalls nach Adam Riese. Und prompt wird er bezichtigt, er sei halt „mathematisch korrekt“, oder so. Und das geht nicht. Wenn jemand sagt „2 plus 5 ist gleich 23“ ist das seine Meinung, die mag mathematisch inkorrekt sein, aber das wird man ja wohl noch einmal sagen dürfen, oder? Oder leben wir schon wieder in einer Meinungsdiktatur? Am besten noch verbunden mit dem Vorwurf der Verwendung von Nazi-, DDR- und Stasi-Methoden. Mathe-Scharia, oder so etwas. Viel hilft viel. Oder so.

Das Ganze funktioniert nach dem Muster der Täter-Opfer-Vertauschung. Wer den Blödsinn benennt, wird zum Geistestäter, zum Denunziant gar befördert. Blödsinn zu benennen, Irrsinn zuzuordnen, das ist Denunziantentum. Das funktioniert in vielen Diskussions- und Streitrunden mittlerweile ganz gut.

Eigentlich gar nicht so anders als beim „Schreiben wie man hört“ – wo am Ende auch alles immer richtig ist. So wird heute auch gedacht. Gedacht, wie vorgekaut. Nur, es wird ja auch schon gar nicht mehr richtig zugehört oder auf der anderen Seite nachgedacht. Eine Meinung ist schneller gefasst und hat man sich schneller angeeignet, als man denkt – und genau das bezeichnet das Problem gewiss flott.

Im Übrigen ist das Denken tatsächlich nicht maßstäblich. Sondern das Verhalten dazu. Aber das ist ein anderes Thema.

Kommunikativer Kapitalismus ist dafür nicht die richtige Bezeichnung. Nach wie vor hat es mehr mit einem speziellen autoritären Charakter zu tun.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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