Das Lächeln, die Menschlichkeit, die Medizin und die Werbung

Ich habe diese Plane vor einem Hospital gesehen. Eingeladen werden soll zu einem Tag der offenen Tür. Slogan: „Medizin und Menschlichkeit“.

Medizin und Menschlichkeit [Plakat]. Foto: Hufner

Medizin und Menschlichkeit [Plakat]. Foto: Hufner

Ich habe mich zuerst gefragt, ob man hier den Begriff und die Tätigkeit des Lächelns nicht vielleicht arg weit auslegt. Sagen wir mal so: Ja. Ein bisschen wirkt das schon bedrohlich, diesen „lächelnden“ Menschen gegenüberzustehen, da, so auf der Straße. Zumal ja traditionell die Maßzahl auch nicht ganz falsch liegen dürfte. Ein „Lächeln“ am Tag, wenn man als Patient so einen Fachmann zu Gesicht bekommt – mit einem Lächeln tun allerdings andere Menschen auch so manches, was nicht so dolle ist.

Der Soziologe, Biologe und Philosoph Helmuth Plessner hat sich in den 50er Jahren des letzten Jahrhunderts mit dem Phänomen des Lächelns relativ ausführlich auseinandergesetzt. Er fragte nach seinem Wesen und antwortete:

„Was ist sein Wesen? Um beim Eindruck zu bleiben, zweifellos eine Erheiterung und Auflichtung des Gesichts, eine Auflockerung, die freundlichen Anblick und Gelöstheit mit sich bringt. (…) Die leichte Vertiefung der Falten um Augen und Mund bringt mit der Verstärkung des Reliefs, der Lichter und Schatten, eine Verdeutlichung und Verlebendigung der Züge ins Bild, eine größere Wärme und Nähe, welche das nie ganz ruhende Mienenspiel im täglichen Leben nur in seltenen Fällen entbehrt.“ [Helmuth Plessner, Das Lächeln, in: ders.: Ausdruck und menschliche Natur (Gesammelte Schriften VII), Frankfurt/M. 2003, S. 421.]

Vom Weinen und Lachen trennt er es: „Es fehlt im die Explosivität. Es ist lautlos und gedämpft, ein Ausdruck im Diminutiv.“ (ebd, S. 423.)

Ein zweiter Punkt ist aber auch zu beachten: Die Konjunktion von Medizin und Menschlichkeit, damit verbunden die sprachlich ungeschickte Inanspruchnahme des „Das sind wir“. Durch die Konjunktion wird die Trennung der beiden Bereiche leider erst hervorgehoben. Und die Konjunktion verbindet die Dinge auch nicht als ineinanderfallende Begriffe. Wir sind Medizin und wir sind Menschlichkeit. Wir sind Medizin und Menschlichkeit. Wir sind Papst. Wir sind keinesfalls Dr. House!

Die Betrachterinnen der Plane müssen das wohl oder übel glauben. Denn das „Lächeln“ bestätigt das in dieser Form des mimischen Ausdrucks keineswegs.

Plessner hat in seinem Aufsatz über das Lächeln von 1950 geschrieben: „Wird Lächeln Ausdruck, dann drückt es in jeder Form die Menschlichkeit des Menschen aus.“ [ebd, S. 434.] Sofern man mit Plessner da übereinstimmen möchte, war dies möglicherweise die Intention dieser „Werbung“, gleichzeitig wird das im Bild gefrorene Lächeln nicht wirklich lächelnd und so das Versprechen von Menschlichkeit zumindest fragwürdig.

Das Lächeln der Werbung jedenfalls ist auf den Hund gekommen – als Regelung und als Imperativ des „keep smiling“ verwandelt es sich in die Fratze der Menschlichkeit, in den Betrug.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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