Atonalitätismus – der güldene Mittelweg beim Komponieren

Die politische Landschaft hat sich verändert. Man hat einen Linksextremismus entdeckt. Kein Mensch weiß bisher, welche Charakteristika diesen Extremismus auszeichnen könnten, aber man hat seinen Platz ausgemacht. Ein Blick in den Essy „Rechts und Links – Gründe und Bedeutungen einer politischen Unterscheidung“ (Berlin 1994 – Wagenbach) des italienischen Rechtsphilosophen Norberto Bobbio ist da hilfreich (mindestens der Abschnitt Extremisten und Gemäßigte). Er erwähnt die Rezeption „rechter“ Autoren von Seiten den „Linken“ (wie Friedrich Nietzsche, Carl Schmitt oder Martin Heidegger) und sagt dann:

„So erklärt es sich, warum Revolutionäre (der Linken) und Konterrevolutionäre (der Rechten) gewisse Autoren gemeinsam haben können: sie haben sie, nicht weil sie der Rechten bzw. der Linken zuzuordnen sind, sondern weil sie Extremisten der Rechten bzw. der Linken sind, die sich gerade als solche von den Gemäßigten unter den Rechten wie unter den Linken unterscheiden. Wenn es stimmt, daß das Kriterium, nach dem man die Unterscheidung zwischen ‚rechts‘ und ‚links‘ trifft, ein anderes ist als das, nach dem man zwischen Extremisten und Gemäßigten unterscheidet, hat dies zur Folge, daß gegensätzliche Indeologien Berührungs- und Übereinstimmungspunkte an ihren äußersten Rändern finden können …“ (S. 34)

Er zititiert dann den Neofaschisten Solinas, der schrieb:

„Unser Drama heute besteht im Moderatismus. Unser Hauptfeind sind die Gemäßigten. Der Gemäßigte ist von Natur aus demokratisch.“ (S. 35).

Bobbio geht den Fragen in Sachen Tugendlehre und Moral weiter nach. Sieht bei den Extremisten den „Krieger“, bei den Gemäßigten den „Krämer“. Letzterer wird von den Extremisten verachtet.

„Die Gegenüberstellung von Krieger und Krämer führt unweigerlich zur Rechtfertigung, wenn nicht gar zur Verherrlichung der Gewalt: die befreiende, reinigende Gewalt, ‚Hebamme der Geschichte‘, der revolutionären Linken; ‚einzige Hygiene der Welt‘ der reaktionären Rechten – man könnte in endloser Monotonie weiter aufzählen.“ (S. 40)

Das gipfelt, musikgeschichtlich gewendet, darin, dass Willi Reich einmal ein Buch zu Arnold Schönberg schrieb mit dem Titel „Arnold Schönberg: oder der konservative Revolutionär“ (1968). Unselig war dieser Gedanke auch deshalb, weil sich Adolf Hitler im Völkischen Beobachter bereits am 6. Juni 1936 einmal als den „konservativsten Revolutionär der Welt“ (zitiert nach Bobbio, S. 32) bezeichnet hatte.

Anders hat das bekanntlich Hanns Eisler gesehen. 1924 schreibt er:

„Die musikalische Welt muß umlernen und Schönberg nicht mehr als einen Zerstörer und Umstürzler, sondern als Meister betrachten. Heute ist es uns klar: Er schuf sich ein neues Material, um in der Fülle und Geschlossenheit der Klasssiker zu musizieren. Er ist der wahre Konservative: er schuf sich sogar eine Revolution, um Reaktionär sein zu können.“ [Hanns Eisler: Arnold Schönberg, der musikalische Reaktionär]

Radikaler Moderatismus

Das wirft insgesamt ein neues Licht auf die „musikalische Revolution“ Anfang des des letzten Jahrhunderts. Sie ist es vielmehr Ausdruck eines moderaten Stils. Dort kennt die europäische Musiktradition zum Beispiel Tongeschlechter. Links Dur – rechts Moll. Links Palestrina, rechts Hans Zimmer. Tongeschlechtsextremisten wie sie im Notenbuch stehen.

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Wahrscheinlich gibt es sogar noch schönere Beispiele. Doch schon diese Auswahl zeigt: Extremismus ist, das wusste schon Franz Müntefering, Mist. Und es zeigt, wie sehr es richtig war, sich auf die musikalische Mitte zu besinnen: Die Atonalität nämlich.

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Man kann also wirklich mit Fug und Recht behaupten: Die „atonale“ Musik ist alles andere als extremistisch. Sie repräsentiert die bürgerlicher Mitte, die Klasse derjenigen, die ihren Halt gefunden hat.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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