Soziale Medien als Elfenbeintürme der Gesellschaft

Immer häufiger hört man in Radio, Fernsehen und natürlich auch im Netz davon, dass irgendwer irgendwas auf einer sozialen Plattform wie Twitter oder Facebook gesagt habe. Politikerinnen müssen da aufpassen, alle müssen da aufpassen. Ein Shitstorm droht allerdings nur denen, die unter dauernder Beobachtung stehen oder wenn diese dann von Leuten gesehen werden, die unter dauernder Beobachtung stehen. Personen kann man auf diese Weise bis zu einem gewissen Grad geradezu ruinieren, aber nicht das Ganze – allenfalls dort, wo sie für das Ganze selbst stehen.

Das meiste verpufft. Das meiste ist ja auch dünne Luft. Da schließe ich mich nicht aus. Aber ich bin schon irritiert, jeden Tag mehr, wie sehr zwei Plattformen eine Öffentlichkeit technisch herstellen können und diese Plattformen dann auch Aufmerksamkeit in den klassischen Medien erhalten.

Aber das ist alles nichts Neues und der Ärger darüber verfliegt in dem Moment, wo diese Plattformen sich als Träger von Informationen erweisen, die dem Geist der Aufklärung im emphatischen Sinne dienen. Obwohl es eine Gnade der Plattformbetreiber ist, ob und wie und wo etwas zum Vorschein kommt oder nicht. Die Benutzerinnen sind eben nicht die Besitzerinnen. Die Sichtbarkeit der Öffentlichkeit delegieren sie an die Gutmütigkeit der Bewusstseinsfabriken der Gegenwart.

Die Straße, die es nicht mehr gibt. Foto: Hufner

Die Straße, die es nicht mehr gibt. Foto: Hufner

Was aber das insgesamt Traurige daran ist, ist, dass daraus insgesamt eine gefühlte Möglichkeit der Bewusstseinsänderung resultiert, die aber keine Basis in der Struktur und Organisation der Gesellschaft hat. Kurz: Das alles bleibt ein blindes Glaskugelspiel, das mit viel Aufwand betrieben wird. Der betriebene Aufwand seinerseits erzeugt das Gefühl, dass damit seine Bedeutung ebenso hoch zu werten ist.

So komisch es vielleicht daher klingen mag, diese Medien sind nicht eine Öffentlichkeit von Massen, sondern sie sind ein Elfenbeinturm der Gesellschaft. Wird einem sofort klar, wenn man sieht, wie gut Menschen damit leben können ohne diese Plattformen zu nutzen und wie wenig ihnen dabei fehlt. Genau wie bei fast allen Medien der Öffentlichkeit: Seien es Zeitung oder Fernsehen.

Die Aufregung um einen Tweet eines Vollhorstes ist ein bisschen kollektiver Kindergarten. Und in dem hat dann auch der kleine Max seinen Platz gefunden und kann mit Grobheiten im Sand buddeln. Oder was Karl Marx twitterte:

… die Klasse, welche die herrschende materielle Macht der Gesellschaft ist, ist zugleich ihre herrschende geistige Macht. [http://mlwerke.de/me/me03/me03_017.htm]


Und natürlich ist es irgendwie vollkommen absurd, das aufzuschreiben und genau in und mit den Medien zu teilen, deren Bedeutungsmacht bei gleichzeitiger Bedeutungslosigkeit man gerade noch erwähnte.

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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