Das ABC der Kultur – nach Angela M. (Bundeskanzlerin) und die 15 Thesen zur kulturellen Integration

In der Sonderausgabe der Bild (65) hat sich neben Anne-Sophie Mutter auch die andere Mutter zu Wort melden dürfen oder müssen. Angela M. (Bundeskanzlerin) buchstabiert an dieser Stelle ihr Deutschland von A bis Z. Das wird vor allem die Musikwelt freuen. Denn an drei Stellen geht die Bundeskanzlerin direkt auf die Musikkultur in Deutschland ein.

Der erste Jubel dürfte vom Deutschen Musikrat ausgehen. Zum ABC gehört nämlich auf jeden Fall „Jugend musiziert“.

Das ABC der Deutschen. BILD-Zeitung

Das ABC der Deutschen. BILD-Zeitung

Das ist eine wohl unerwartete Ehrung. Die Kanzlerin hat ja schließlich Humor mit Kirchensteuer und Kartoffel. Ich nehme es der Kanzlerin tatsächlich ab, dass „Jugend musiziert“ für sie eine zentrale Bedeutung hat. Genau so wie beim anderen Punkt, der den Deutschen Chorverband freuen wird.

Das ABC der Deutschen. BILD-Zeitung

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Chorgesang!  Wie schön. Da sind die Fenster dicht, würde ich mal sagen. Butter aufs Brot. An anderer Stelle kommt noch das Volkslied hinzu, was will das Musikerinnenherz schon mehr.

15 Thesen für die Kanzlerin. Foto: Bundespresseamt/Frosch

Nein, wirklich. In den letzten Wochen haben sich gleich mehrere Autoren oder Vereinigungen mal wieder mit der Frage beschäftigt, was denn Deutsch sei. Leitkultur und Co. zum Beispiel, als der Deutsche Kulturrat seine 15 Thesen zur kulturellen Integration vorgestellt hatte. Man kann sogar sehen, wie Angela M. diese Thesen aus den Händen von Prof. Höppner in Empfang nimmt. Ich habe da noch einmal reingeschaut, von Jugend musiziert oder Butterbrot ist da nichts geschrieben worden.

Während sich also der Deutsche Kulturrat mit anderen Institutionen über mehrere Monate hinweg die Arbeit machte, seine Thesen zu verfassen und dann auch unter die Menschen zu bringen (zur Zeit knapp 670 Unterzeichnerinnen), kommt die Kanzlerin via Bild-Sonderausgabe mit einem Schlag in die Briefkästen von ca. 41 Millionen Haushalten.

Überhaupt sind die 15 Thesen leider ziemlich untergegangen. Der Widerhall in der Presse war recht gering. Dabei war natürlich das Unterfangen schon wirklich komplex. Die Befürchtung, dass sich die Initiatoren auf einen kleinsten gemeinsamen Nenner nur vereinen würden, bestand durchaus. Das ist nicht passiert. Gleichwohl ist es nicht der große Wurf geworden, den man sich erhoffen musste. Das kann man bedauern, vielleicht aber ist es auch besser so. Die großen Würfe und Entwürfe in Sachen kulturellem Selbstverständnis einer Gesellschaft haben genug Schaden angerichtet. Sie beruhen entweder auf direkter oder indirekter Exklusion. Man sagt was man nicht will und wer nicht zu einem gehört. Das gehört allerdings in einer Demokratie in die Dimension des Rechts und wird auch dort verhandelt. Nicht immer mit schönen Ergebnissen.

Das Kanzlerinnen-ABC ist, so sehr es selbst eingestandenermaßen Mut zur Lücke offenbart, nicht mehr und nicht weniger ein persönliches und deskriptives Beschreibungsfeld.

Klaus Vater kritisiert auf Charta die 15 Thesen als: „Da ist es eher Musik aus der Blockflöte.“ Nun, mag sein. Das Problem ist aber doch eben ein anderes. Will man „Kultur“ irgendwie in den Griff bekommen, muss man scheitern. Die Dinge ändern sich. Die 15 Thesen oder das Kanzlerinnen-ABC hätten in den 60er Jahren des letzten Jahrhunderts sicher anders ausgesehen. Und vierzig Jahre zuvor ebenso. Da wäre statt Jugend musiziert der Wandervogel aufgefahren worden. Das könnte man These für These durchdeklinieren. Die Vermischung von moralischen Normen und ihrem Wandel finden zur gleichen Zeit statt.

Das alltägliche Zusammenleben basiert auf kulturellen Gepflogenheiten. Im täglichen Zusammenleben spielen neben Werten wie Solidarität und Mitmenschlichkeit Umgangsformen und Gebräuche eine wichtige Rolle. Sie erleichtern das Zusammenleben und schaffen Vertrautheit sowie Verbindlichkeit im Miteinander. Umgangsformen, kulturelle Gepflogenheiten und traditionelle Gebräuche sind jedoch nicht starr, sondern unterliegen dem Wandel. Sie müssen sich im gesellschaftlichen Diskurs bewähren oder weiterentwickeln, um ihre Berechtigung zu behalten. (These 2)

Da werden die Werte Solidarität und Mitmenschlichkeit gesetzt, daneben spielen Umgangsformen und Gebräuche eine Rolle. Diese unterliegen dem Wandel und müssen sich bewähren, damit sie berechtigt bleiben. Man trennt die Dinge also auf. Das Essen mit Messer und Gabel, neben dem Essen mit den Händen?

Aber auch Solidarität! Wie darf man den Begriff füllen? Ein Wert ohne Wert, wenn er nicht inhaltlich gefüllt wird. Nehmen wir nur mal die simpelste „Definition“, die die Wikipedia anbietet. Ich halte sie für falsch, übrigens.

Solidarität „drückt ferner den Zusammenhalt zwischen gleichgesinnten oder gleichgestellten Individuen und Gruppen und den Einsatz für gemeinsame Werte aus (vgl. auch Solidaritätsprinzip).“

Gleichgesinnte und Gleichgestellte im Einsatz für gemeinsame Werte? Wie kurzschlüssig – zumal wenn man sie, konfrontiert mit These 2, selbst als Wert auffassen wollte. Da frisst sich der Wert selbst auf.

Nicht besser ist es um die These 7 (Einwanderung und Integration gehören zu unserer Geschichte) bestellt,

„Unser kultureller Reichtum beruht auch auf den Einflüssen Zugewanderter.“

Voraussetzung ist hier längst wieder die Defintion eines „Wir“, die aber doch sonst ausbleibt. Wer „Wir“ sind, wird nicht gesagt. Unsere Geschichte ist eben keine Geschichte des „Wir und die andern“, sondern dieses „Wir“ sind die einen und die anderen, ein Gewürfeltes Zusammen. Es ändert sich in seiner Zusammensetzung laufend.

Nu!

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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