„Chancen für den freundlichen Deutschen“

Es gehört vielleicht zu den ganz besonderen Eigentümlichkeiten, insbesondere bei den Deutschen, dass sie sich in fast jeder Situation als zu kurz gekommen auffassen. Egal wo, immer benehmen sich vor allem die anderen falsch. Im Verkehr, im Beruf, in der Schule, der Kultur, im Sport. Und in der Politik und Bildung. Es ist einigermaßen nicht nachvollziehbar, woher dieses Ohnmachtsgefühl stammt. Obwohl, ein Ohnmachtsgefühl ist es ja gar nicht, sondern eher eines des permanenten Neids. Da kann man machen, was man will. Ist man zu zuspitzend, gilt man als unausgewogen; ist man ausgewogen, gilt man als nivellierend.

Es scheint kein Glück darin zu liegen, im Federkampf um Solidaritäten. In vielem Gesagtem ist vieles nicht gesagt, aber doch immer ist etwas gemeint. Gemeint ist aber immer das Ungesagte. …

Wenn man so zurückschaut in die 50er und 60er Jahre, dann fällt einem ein Thema der Debatte auf, welches heute irgendwie verloren ist. Hanns Eisler bemerkte es, wenn er immer wieder von Freundlichkeit spricht und sie als wichtiges Merkmal einer verständigen Gesellschaft bezeichnet. Oder wenn Alexander und Margarete Mitscherlich in der Vorbemerkung zu „Die Unfähigkeit zu trauern – Grundlagen kollektiven Verhaltens“ feststellen:

„So wird kaum jemand leugnen, daß es in Deutschland keine kleine Zahl von Menschen gibt, die höflich, anteilnehmend, rücksichtsvoll sind, dies alles nicht aus sittlichem „Dressatgehorsam“, weil man ihnen „Manieren“ beigebracht hat, sondern weil sie gelernt haben, die Eigenart des Partners zu achten und sich für ihn zu interessieren. Die Einschränkung ist aber nicht zu vermeiden, daß diese freundlichen Deutschen etwa im Straßenverkehr oder in anderen Rücksicht fordernden Situationen nicht der den Ton bestimmende, sondern ein mehr oder minder „stummer“ Bevölkerungsanteil sind. Der freundliche Deutsche, um es in zugespitzter Form zu sagen, hat im eigenen Land keinen zwingenden Vorbild-Charakter. Obgleich es ihn als angenehme Überraschung gibt. (…) Die aufklärerische Absicht der Autoren ist es, die Chancen für den freundlichen Deutschen zu vermehren.“ 01)Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/M. o. J., S. 10 f.

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01. Mitscherlich, Die Unfähigkeit zu trauern, Frankfurt/M. o. J., S. 10 f.

huflaikhan

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