Sennett und die Ratlosigkeit

Richard Sennetts reichhaltiges Buch “Respekt im Zeitalter der Ungleichheit” (Berlin 2003) ist eine schöne und komplexe Studie zur Frage der Herstellung von Respekt und seiner Verwirklichung bzw. seiner Verhinderung. Zahlreiche Schilderungen einzelner Phänomene, autobiographischer Art wie aus der Welt der weiten Soziologie und Politikwissenschaft, werden angeführt, analysiert und im historischen Kontext begriffen. Ein Buch, welches dennoch mehr Fragen hinterlässt als Erklärungen. Solange Sennett im historischen Kontext bleibt, ist eigentlich immer alles sehr klar und nachvollziehbar. Geht es um die Gegenwart werden Sennetts Fragestellungen immer ratloser. Das ist nicht ungewöhnlich und man muss es nicht als Manko auffassen. Dadurch bleibt es anregend und diskussionswürdig. Seine Schlussfolgerung am Ende des Buches zeigt die Freude und die Hilflosigkeit gleichzeitig:

„Wenn ich aus meiner eigenen Erfahrung einen Schluss ziehen kann, so den, dass Selbstachtung, die auf Können beruht, allein noch keinen gegenseitigen Respekt zu schaffen vermag. Es genügt auch nicht, in der Gesellschaft das Übel der Ungleichheit zu bekämpfen, um gegenseitigen Respekt zu wecken. Der Kern des Problems, vor dem wir in der Gesellschaft und insbesondere im Sozialstaat stehen, liegt in der Frage, wie der Starke jenen Menschen mit Respekt begegnen kann, die dazu verurteilt sind, schwach zu bleiben. Darstellende Künste wie die Musik öffnen den Blick auf Elemente, die auf Zusammenarbeit ausgerichtet sind, auf die Ausdruckspraxis gegenseitigen Respekts. Die hartnäckige Tatsache der sozialen Teilung bleibt gleichwohl ein Problem der Gesellschaft.“ [S. 317 f.] [Hervorhebung MH]

Ist das wenig oder ist das viel als Ergebnis der Studie?

[22. März 2004]

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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