Klassiker der Avantgarde: Georges Perec, Die Maschine (1968)

Treppenhaus des Deutschen Museums München. Foto: Hufner

Man nehme ein bekanntes Gedicht und führe ein paar automatisierbare Operationen daran durch. So in etwa lässt sich das Hörspiel mit dem Titel „Die Maschine“ von Georges Perec ganz kurz zusammenfassen. Gesendet wurde es vom Saarländischen Rundfunk am 13. November 1968.

Wanderers Nachschicht

Als Grundlage diente Perec „Wanderers Nachtlied“ von Johann Wolfgang von Goethe. Es ist simpel, komplex und bekannt genug, um daran die Verfahren zu demonstrieren, die Perec in Stellung brachte. Allerdings ist es ist ganz sicher keine absolute Neuheit, Texte nach bestimmten Verfahren neu zu organisieren. Aber dennoch ist es ein typisches Verfahren, wie sich Text in den 50er bis 60er Jahren neu zu verstehen begann. Davon legen auch die zahlreichen „Neuen Hörspiele“ Zeugnis ab, die damals entstanden. Der interessante Versuch von Perec geht dabei nahezu am Weitesten und bleibt dennoch inkonsequent. Denn die Maschine taucht hier gar nicht wirklich auf, genauso wenig wie sie erklärt oder erklären lässt, warum sie derartige Operationen unternimmt. Die Antworten auf die Operationsbefehle geben auch wieder Menschen, die aber maschinell die Operationen ausführen – was aber auch nicht immer gelingt.

„Wenn man den Leuten nur begreiflich machen könnte, daß es mit der Sprache wie mit den mathematischen Formeln sei – Sie machen eine Welt für sich aus – Sie spielen nur mit sich selbst, drücken nichts als ihre wunderbare Natur aus, und eben darum sind sie so ausdrucksvoll – eben darum spiegelt sich in ihnen das seltsame Verhältnisspiel der Dinge.“ [Novalis]

Ariane Steiner hat das in „Georges Perec und Deutschland: das Puzzle um die Leere“ (Würzburg 2001) einiges darauf verwandt, zu zeigen, wie die Ausarbeitung zugleich das Verhältnis der Sprache zur Kultur reflektiert. Dass mithin „Wanderers Nachtlied“ kein Zufallsopfer ist. Sie zeigt auch, wie das Stück in seiner Umsetzung abweicht von einigen Grundideen, die Perec damit verband. Dies nur am Rande, ich kann hier nicht zu tief einsteigen.

Der Mensch, der Autor Perec, steuert das Sprachverfahren. Von simplen Ideen im Bereich der Syntax zu teils frappierenden Änderungen in der Semantik.

Es erinnert direkt an Samuel Becketts Watt [1953], wo an einer bestimmten Stelle Watt seinen Sprachstil nach bestimmten Merkmalen umstellt, was zunächst für seinen Begleiter unverständlich, später aber genauso gut zu verstehen war, bis die Sprache wieder nach einem anderen Prinzip geordnet wurde. (Samuel Beckett: Watt, Frankfurt am Main 1982, S. 74 ff.) Watt ist ja voll von ähnlichen Passagen, Aufzählungen, Umstellungen, mathematischen Operationen im und aus dem Text heraus.

Das Konzept steht, aber es wird noch nicht freigelassen. Es wird noch konfektioniert und das Ergebnis sondiert. „Die Maschine“ wird noch qualitativ bedient.

Ein Klassiker der Avantgarde ist es trotzdem, obwohl der Begriff „Klassiker der Avantgarde“ natürlich eine Unmöglichkeit ist. Doch das ist der Spaß, den ich mir dabei erlaube. Die Tarnkappe.