„Jeder kann Künstler sein“ (Krakau, 20. April 1921)

„Jeder kann Künstler sein“, so steht es mitten in einem Text aus dem Jahr 1921 von Bruno Jasienski mit dem Titel „An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Lebens“. Das Beuys zugeschriebene Wort: „Jeder Mensch ist ein Künstler“ ist die spätere Konsequenz, die aus der Möglichkeit ein Faktum herstellt.

Seit gestern bin ich im Besitz eines der schönsten Bücher, die ich seit langem durchstöbern kann: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, erschienen bei Metzler.

Neue Welt. Foto: Hufner

Neue Welt. Foto: Hufner

So vieles aus der damaligen Zeit scheint kaum an Aktualität eingebüßt zu haben, jedenfalls tauchen bestimmte Fragen schon damals auf, die heute immer noch verhandelt werden. Oder schon wieder. Erste Überraschung, die Sache mit dem Futurismus ist nicht allein eine, die sich in Italien und Russland abgespielt hat. Hier haben wir ja ein polnisches Exemplar vor uns. Zweite Überraschung, die Anzahl der Manifeste, die dieses Buch versammelt, ist groß, sehr groß. Ein Manifest jagt das andere. Die Sprache ist fast durchweg fortissimo! Dritte Überraschung: Die Anzahl der damit verbundenen „Stile“ ist unwesentlich geringer, hat man das Gefühl. Da gibt es Manifeste von Autoren und Kunstformen, von denen ich noch nie gehört habe. Wahrscheinlich folgen die nächsten Überraschungen seitenweise.

Hier also die Futurisierung des Lebens:

„Eine Kunst, die in Konzertsälen, Ausstellungen, Kunstpalästen usw., die für einige hundert oder sogar einige tausend Menschen geschaffen worden sind, beherbergt ist, stellt ein lächerliches, anämisches Kuriosum dar, denn sie erreicht nur 1/1000000000 aller Menschen. Der moderne Mensch hat keine Zeit, um Konzerte und Ausstellungen zu besuchen, 3/4 der Menschheit hat nicht die Möglichkeit dazu. Deshalb muß sie die Kunst überall finden können. // Fliegende Poesiekonzerte und Konzerte in Zügen, Straßenbahnen, Kantinen, Fabriken, Cafés, auf Plätzen, Bahnhöfen, in Hallen, Passagen, Parks, auf Häuserbalkonen usw. usw. usw. zu jeder Tages- und Nachtzeit. (…) Der Künstler ist genauso eine Volksvertreter wie der Abgeordnete; er verfügt nur über einen anderen Aktivitätsbereich und andere Kompetenzen.“
Bruno Jasienski: An das polnische Volk. Manifest in Sachen der sofortigen Futurisierung des Lebens, in: Manifeste und Proklamationen der europäischen Avantgarde (1909-1938), hg. von Wolfgang Asholt und Walter Fähnders, Stuttgart 2005, S. 241 f.

Es fällt einem schwer, das wirklich zu kommentieren. Denn es frapiert einen nur. Diese Avantgarde war mindestens ihren Proklamationen nach Avant-Garde!

huflaikhan

Immer auf der Suche nach Unstimmigkeiten im Musikbetrieb.

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1 Antwort

  1. Mai 21, 2017

    […] Forderungen“ in fünf Punkten zusammengefasst. Auch hier (wie beim polnischen Manifest von Bruno Jasienski), unter Punkt 5 wird ein Zusammenfallen von Künstler und Mensch gefordert, positiv gedeutet […]

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