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Diebstahl aus der Anonymität. Foto: Hufner

Phishing for composition

Der Komponist Johannes Kreidler hat auf Facebook auf einen dreisten Fall von Erschleichung kompositorischer Arbeit hingewiesen – echt jetzt, kein Scherz. Da hat jemand eine kompositorische Arbeit in Auftrag gegeben, Honorar vereinbart und Vertrag geschickt. Und hat sich nach Ablieferung der Arbeit dann in Luft aufgelöst. Kreidler machte darauf aufmerksam in seinem Facebookeintrag

Wir haben versucht anhand der PDF, der mitgelieferten mp3 und anhand der Mailabsender-IPs herauszufinden, wer dahinterstecken könnte. Aber sowohl die Meta-Daten der PDF und mp3s sind nicht ergiebig, noch die IPs der Mailabsender. Im Gegenteil, diejenige Person hat sich sogar die Mühe gemacht, über Anonymisierungsdienste unkenntlich zu machen. Es ist vermutlich nicht möglich, den Absender oder die Absenderin auf diese Weise ausfindig zu machen.

Die Kontaktaufnahme erfolgte in unverdächtigem Deutsch und mit musikalischer Kenntnis zum Beispiel so:

Schön guten Tag
Ich hoffe es stimmt für dich das ich dich Duze.  Ein befreundeter Musiker hat mich auf deine Seite gebracht. Die Seite gefällt mir hervorragend.
Nun zu meiner Anfrage. Jeden Sommer treffen wir uns mit ca. 40 Blechbläser für eine „Sommerband“ im Marching Brass Stil. Wir spielen dann ca. 4-5 Konzerte. Dies als Ausgleich zu vielen anderen Projekten. Es sind 40 ambitionierte Musiker, keine Profis aber wir sind in der Lage anspruchsvolle Literatur zu spielen.
*Anliegen & Deadline*
Wir würden gerne bei dir zwei Stücke arrangieren lassen für unsere Formation wenn du Lust hättest? Die Deadline für die Stücke wären ca. 22. Mai 2016 wenn das realistisch ist?
*Besetzung*
Unsere Besetzung sieht wie folgt aus: Drei Trompetenstimmen, zwei Posaunenstimmen, ein Euphonium/Marchinhorn Stimme, eine Sousaphone Stimme. Insgesamt 7 Stimmen. Da viele aus der Marchinbrass oder Big Band Szene herauskommen, sind unsere alle in Bb und Violinschlüssel geschrieben.
[snip]
Ich wünsche dir noch einen tollen Tag.
Name [unwichtig, da auch gefälscht]
SommerProjekt2016

Und jetzt fragen wir, gibt es Leute, die eine ähnliche Anfrage bekommen haben. Wem ist es ähnlich gegangen? Und wir wollen gleichzeitig warnen vor der Abwicklung solcher Geschichten mit „unbekannten“, wenn auch gleichwohl unverdächtigen „Auftraggeber“.

Und falls also jemand die Stücke von Kreidler irgendwo hören sollte, wenn es Musiker gibt, die bei solchen Projekten mitmachen und Bearbeitungen „Rhythm of the night“ (Corona) oder „Adam + Eva“ (Hecht) hört oder spielt – es kann sein, dass man sich dann gewissermaßen der Musikhehlerei schuldig macht.

Und Komponisten und Komponistinnen: Vorsicht bei unbekannten Absendern. Fragt lieber einmal mehr als zu wenig nach. Telefonnummer, Faxnummer, Post etc. irgendetwas, was man ein bisschen einfacher nachprüfen lassen kann als eine IP-Adresse in einer Mail.

Und wir fragen uns andererseits: Warum macht sich jemand so eine Arbeit mit der Erschleichung von kompositorischer Arbeit mit gefaktem Mailaccount (über freenet) und mit Anonymisierung auf allen Ebenen, Angabe falscher Adressdaten? Was kann so jemand mit so einer Bearbeitung anfangen. Weiterverkaufen an Dritte? Denn für einen einfachen „Scherz“ scheint der Aufwand doch ein bisschen groß.

UPDATE 11.6.2016:
Gleiche Mail am gleichen Tag erreichte auch den Komponisten Nico Sauer.