Vom Elend der Kulturwelt Münchens – Der tiefe (Un-)Fall des Hans Magnus Enzensberger

Wenn ich ein Vöglein wär. Foto: Hufner

Mit einer Kanonade von Leserbriefen in Sachen Mauser ist die Süddeutsche Zeitung gewürzt.  Unter der Überschrift, die Kulturwelt Münchens sei entsetzt. Da finden sich dann Leserbriefe von (Alt-)Präsidenten der Bayerischen Akademie der (Nichtmehrganzso)Schönen Künste wie Michael Krüger oder Dieter Borchmeyer. Aber auch von Enjott Schneider (als Präsident im Namen des Deutschen Komponistenverbandes, so jedenfalls dort vermerktallerdings ohne Schneiders Absicht oder Wissen und, wie jetzt bekannt, völlig aus dem zeitlichen und damit inhaltlichen Zusammenhang gerissen) und Hans Magnus Enzensberger (als Privatperson aus München).

Alle beklagen sich darüber, dass Siegfried Mauser vor dem Amtsgericht München zu einer Strafe auf Bewährung verurteilt worden ist. Zwei Leserbriefschreiber sprechen dabei insbesondere den Verlust von Pensionsansprüchen an und dass das mit dem Beamtentum dann auch wohl eher vorbei sei. Der Angeklagte sein praktisch ruiniert, „weil er damit unter anderem nicht nur seine Würde, sondern auch seinen Beamtenstatus verliert“, schreibt da eine Leserin.

Schlimmer ist aber das, was der einstige Kulturkritiker Hans Magnus Enzensberger da vom Stapel lässt, der sich, wie er schreibt, eher nicht als Leserbriefschreiber versteht (noch ganz im Gegensatz zu Adorno, der sich auch auf diesem Wege schon mal einließ und Dinge der Tagespolitik wie Ampelanlagen zum Thema machte). Also Enzensberger fühlt sich bemüßigt, das Thema aufzugreifen. Und dabei verwendet er die typischen Muster der Verunglimpfung von Opfern von Straftaten, die durch Jahrzehnte und Jahrhunderte hindurch gängige Praxis sexueller Unterdrückung war und ist. Er nennt sie hier auf eine wirklich unlustige Weise „tückische Tellerminen“. Im Zusammenhang, der durch die Wahl der geradezu aristokratischen Sprache einem selbst diese verschlägt:

„Damen, deren Avancen zurückgewiesen werden, gleichen tückischen Tellerminen. Ihre Rachsucht sollte man nie unterschätzen. Sie wissen sich der überforderten Justiz virtuos zu bedienen.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Netz)

In diesem Satz, den man vielleicht mal in Gänze zerlegen sollte (Damen!, Avancen!, Rachsucht! Virtuos! Überfordert!) finden sich selbst kleine Sprachbömbchen, die eine Gruppe (die Frauen, die Damen) als Ganze diskreditieren. Nach dem Motto: Mann, hüte Dich vor der Rachsucht einer Frau, deren Avancen du je ablehnst. Wir wissen dabei doch, dass diese wahrscheinlich minütlich ganz gewöhnlich passiert. Und auch umgekehrt. Und? Sind unsere Gerichtssäle und Gefängnisse voll mit Männern, die von Frauen, die die überforderte Justiz virtuos bedienen, beklagen. Tückische Tellerminen – Alliterationsspiel, gibt es auch untückische Tellerminen? – ist schwerer Humbug. Da wirft Enzensberger sozusagen mit „altersbedingten Atombomben“ um sich.

„Der Rufschaden, den sie bei dem, der sie verschmäht hat, anrichten können, ist beträchtlich.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Netz)

Auch hier geht es vor allem dem einstigen Kulturkritiker um Reputation und Schaden für den Ruf einer Person. Die Technik der Umkehr der Opferlage ist übrigens nicht nur in diesem Fall eine ziemlich üble Taktik und Technik. „Sie wollen mir mit dem Anwalt drohen?“ habe ich auch schon mal gehört, wenn man als Opfer nur seine Rechte wahrnehmen will.

Ganz aus dem sprachlichen Ruder geht es bei Enzenzberger aber danach.

„Man muss in Fällen, bei denen Aussage gegen Aussage steht, die Glaubwürdigkeit der Anklägerin prüfen.“ (Quelle: Süddeutsche Zeitung, Netz)

Hier zeigt es sich dann doch, dass Enzenzberger nicht mehr Herr seiner Gedanken ist, auch wenn er noch die Worte zu formen weiß. Man muss vor Gericht immer die Glaubwürdigkeit von Allem prüfen. Ankläger ist übrigens nicht das Opfer im Strafverfahren sondern die Staatsanwaltschaft, die mehr recht als schlecht glaubwürdig ist oder nicht. Aber eines ist für Enzensberger ja auch klar, die Glaubwürdigkeit des Beklagten Beschuldigten/Angeklagten muss man nicht prüfen. Warum eigentlich nicht. Ich könnte das ja noch verstehen, weil der ja sowieso nicht die Wahrheit sagen muss, der darf ja auch lügen oder die Wahrheit sagen. Eine Zeugin hingegen macht sich bei einer Lüge strafbar. Aber ich denke, das hat Enzensberger eher nicht gemeint. Und so ist auch das abstrakte „Aussage“ gegen „Aussage“ – wie es viele Leserbriefe durchzieht – eher witzlos. Schnell erklärt: Wenn in der Welt von Adam Riese einer sagt „1 und 1 ist 3“ und ein anderer sagt „1 und 1 ist 2“ dann steht auch Aussage gegen Aussage. Heißt das deshalb, dass man die nicht entscheiden könne, welche Aussage nun stimme? Nein.

Münchens Kulturwelt in der Hölle der Dreistigkeit

Hans Magnus Enzensberger und seine Münchner Kulturwelt, da möchte man lieber nicht dazu gehören. Niemand hat sie gezwungen sich mit diesen Leserbriefen zu blamieren. Aber sie tun es – aus welchen Gründen auch immer. Mir ist das nicht klar. Mag sein, dass dies eine Überschrift der SZ ist, für die die restliche Kulturwelt Münchens nichts kann.

PS: Und das alles gilt in Bezug auf Enzensberger nur insoweit, als er wirklich der Autor des Leserbriefs gewesen ist. Ich hoffe mal, die Süddeutsche Zeitung hat das verifiziert.

UPDATE 2.6.2016: Leider kann man wohl die SZ nicht länger als vertrauenswürdige Quelle ansehen. Enjott Schneiders Leserbrief in dieser Sache ist zu dem Zeitpunkt der Veröffentlichung über 50 40 (präzise 43 – darauf hat mich die Leserbrief-Redaktion der SZ hingewiesen, ich hatte Schneiders Angabe auf Facebook leider nicht nachgezählt) Tage alt gewesen und wurde nicht, anders als die SZ den Anschein erweckt, in seiner Funktion als Präsident des Deutschen Komponistenverbandes oder irgendeiner anderen Institution verfasst. Das ist nicht nur kein guter Stil, sondern irreführend und in diesem Zusammenhang skandalös. Und wird eine Recherche nach sich ziehen!

8 Kommentare

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  • Ich finde es so kläglich von einem alten Mann, dass er meint er müsse die Glaubwürdigkeit der Damen anzweifeln uns sie als so diskriminiert. Man sollte
    lieber Herren diskriminieren, die meinen sie seien was besonderes und ihnen
    könne nichts geschehen.

    • Man sollte niemanden überhaupt nicht irgendwie diskriminieren.

    • Kurt Wiesengrund

      Interressant. Diskriminierung ist dann OK wenn es gegen “Herren“ geht, die “die meinen sie seien was besonderes “.
      Die neue Moral offensichtlich. Meinen Glueckwunsch.

  • .. das ist eine Riesen-Vortäuschung, wie ich in diese „Münchens Kulturwelt-entsetzt“ Aktion durch die SZ ohne mein Wissen verwickelt worden bin. Ich habe am 16. April vor er Verurteilung gegen die SZ einen Leserbrief geschrieben, weil ich diese Art der Vorverurteilung absolut umjournalistisch und eines Qualitätsblattes nicht angemessen hielt. Der Leserbrief/mein Protest wurde abgelehnt. Dann finde ich denselben Brief am 28./29. Mai….also viele Wochen später… in einem ganz anderen Kontext wieder…. ohne meine Zustimmung wieder. Es wird somit vorgegaukelt, ich hätte mich mit Hans Magnus Enzensberger, Akademie-Präsident Borchmeyer u.a. an einer konzertierten Solidaritäts-Aktion für Siegfried Mauser beteiligt. Das stimmt nicht!!!!!. Ich wußte von dieser Aktion nichts, sondern wurde plötzlich als Höhepunkt hinter all den anderen Briefschreibern am 29.5. zitiert… dabei habe ich meinen Brief schon 50 Tage vorher in anderem Zusammenhang als Protest gegen die SZ (und nicht als Solidarität mit S. Mauser) verfasst. Und nun verwickelt man mich in diese Mauser-Konspirationskampagne und lichtet noch auf dieser site hier ein Foto ab, das m.W. vor 4 Jahren in Berlin beim Deutschen Musikautorenpreis entstand und mich mit S. Mauser Seite an Seite zeigt…. Ganz üble Faktenklitterung, um auch mich hier in dien Pfanne zu hauen. Ausserdem habe ich nicht expressis verbis mit „Präsident Deutscher Komponistenverband“ unterzeichnet, sondern nur meinen allgemeinen Mailbriefkopf mit allen vier Titeln (GEMA-Komponistenverband-Deutscher Musikrat-ProKlassik-Verein verwendet, den ich immer verwende… aber dann (soweit man bei Mails von „Unterzeichnen“ reden kann) nur mit privat „Enjott Schneider“ unterzeichnet…. Der Eindruck, ich hätte am 28./29. Mai mich mit der Münchner Kulturwelt verbündet, ist gefakt und ist eine Unterstellung…. Ich wußte von keiner Leserbrief-Kanonade und Entsetzensaktion etwas…. Schuld ist die SZ, die meinen 50 Tage alten (ablehnten!) Brief plötzlich hier mitverwendet.

    • Das, lieber Enjott Schneider, ist allerdings ein Hammer im Beifang, der noch eigens zur Sprache gebracht werden muss. Ich werde mich in dieser Sache daher auch noch an die SZ wenden und deren eigenartigen Umgang mit Leserbriefen, deren Zuschreibung zu Institutionen und deren zeitliche Unordnung. So geht es ja nun mal gar nicht. Leider ist in der letzten Zeit in Sachen SZ oder FAS ja gar nicht viel Gutes zu berichten. Denn, wenn man sich nicht auf deren ordnungsgemäßen Umgang mit Texten mehr verlassen kann, fallen die als Quelle insgesamt aus. Ich hoffe, das ist auch Chefredakteuren wie Heribert Prantl bewusst. Schlimme Zustände.

      In Sachen Enzenzberger – und ich erwähnte ja unten – falls der das überhaupt geschrieben haben soll, dürfte die Angelegenheit trotzdem hochnotpeinlich sein.

      Martin Hufner

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