Biedermann und die Brandschützer

Seine Kulturpolitik in Unschuld waschen. Foto: Hufner

Es werden noch Wetten angenommen. Welches Theater, welcher Konzertsaal wird als nächster dichtgemacht: Die Brandschützer sind unterwegs. Die einen machen es, weil urplötzlich der potentielle Theaterbesuchertod wegen ausbrechenden Feuers droht. Die Angst ist unwohlbegründet!

Wie wird Gustav Mahler gerne zitiert „Tradition sei die Weitergabe des Feuers, nicht das Hüten der Asche“. Das ist wirkt unter den gegebenen hochirrationalen Zeiten genau wie damals, als der Komponist Pierre Boulez damit drohte, Opernhäuser in die Luft zu sprengen. Kunst ist ja echt unheimlich supergefährlich! Aber zunächst einmal fing kurz vor der Uraufführung von John Cages „Europeras“ im Frankfurt der 80er Jahre unter den Dramaturgenfingern von Hein-Klaus Metzger und Rainer Riehn dessen Opernhaus Feuer. Das wollen wir nicht, das brauchen wir nicht. Wir haben Brandschutz. Oder „Perspektive 2025“ in Thüringen und ganz sicher demnächst noch „Vision 2030“ in Sachsen-Stop. Glubschauge sei wachsam!

Auch im Publikum machen sich die Brandschützer und die Biedermänner breit. Ob in Köln oder jetzt in Hamburg: Man mag nicht mit unbequemen Texten oder Musikstücken oder Interpreten gequält werden und manche versuchen spektakulär deren musikalische und dramaturgische Feuerwerke mit viel rechtsgetönter giftiger Luft („Ich ruf‘ Buhu, was schnarchst Du?“) zu löschen. Ihnen empfehlen den Bau einer vakuumierten Bühne am besten gesellschaftsbefreit auf dem Mond, denn wo kein Sauerstoff ist, da kann auch gar nix anbrennen. Diese Perspektive und Vision schenke ich den Kunst-Brandschützern aus den Stußgräben der Horror-Hinter-Heile-Welt.

PS: Brandschutz-Vorgaben lassen sich leichter ändern als auf dem politischen Parkett die Auseinandersetzung zu suchen. Noch immer funktionieren formale Gründe als einzig rationale. Man kann aber auch über den normalen Konzertbesucher den Brand legen, wenn man seine vermeintliche heilig-heile Kunst vor der Erschütterung durch reale Katastrophen zu schützen sucht. Der Extremismus kommt aus der sogenannten Mitte der Gesellschaft. Sie löscht ihr Mütchen mit Piccolöchen beim Lachshäppchen. Und jetzt kommt noch die EM2016 wo aus der nationalen Mitte heraus gefeiert wird. Das ist die Normalisierung des Extremismus.