musik|kultur|unrat
Die Musikindustrie von oben. Foto: Hufner

Die Musikindustrie von oben

Bei der Kulturkonferenz des Bundesverbandes der Musikindustrie (ich weiß immer nicht genau, welchen Part der Veranstaltung man in Anführungszeichen setzen sollte) ging es in diesem Jahr drunter und drunter. Das Gebäude spukte unbekannte und unberührbare Gäste in die erste Reihe vor dem Podium, es scheuchte das Publikum und alle anderen anwesenden hinaus. Feuerwehralarm. Die Karawane zog vor die Tür, wo es dann zu allem Überfluss noch regnete.

Es war die erste Keynote von Dieter Gorny, die ich nicht auch nur im kleinsten Teil verstanden hätte. Irgendwas mit Verantwortungs- und mit Haftungskultur. Ein phänomenaler philosophischer Wurf wahrscheinlich. Das geliebte Haus der Akademie der Künste wirkte irgendwie im Abbruch und wehrte sich mit Hände und Füßen.

Nee, Dieter Gorny, das war in diesem Jahr absolut schwächste Rede seit langer Zeit. Während man früher alles so flott abnicken konnte und erst am Ende sich fragte, was hat da in meinem Ohr geklingelt, war es dieses Jahr von Anfang an ein Gegurke durchs Labyrinth der Phrasen, das man sich selbst gebaut hatte.

Und es wehrte sich auch der Autor der großen Keynote, Konrad von Löhneysen, Chef bei Embassy Of Sound and Media gegenüber seinen Vorrednern aus den letzten Jahren.

Das waren so die spassigen Teile. Bis zu dem Panel zu Big Data. Da wurdem einem Beine gemacht.

Der unkundige Leser möchte jetzt vielleicht wissen, was es denn sonst dort berichtenswertes gab, vielleicht aber eben auch nicht. Alles in allem, abzüglich der irgendwie abstrusen Rede von Gorny hat die Veranstaltung viele Anregungen gegeben. Vor allem die von Perspektivenwechseln. Zu jedem Agenten auf dem musikindustriellen Markt, vom Piraten bis zum Labelbesitzer, vom Hörer bis zum Erzeuger gibt es eigenartige Verknüpfungen. Der private Vorteil des einen kann dabei schon das System zusammenkrachen lassen.

Beispiel: Der Pirat unterläuft den Markt, der ihn aber als Größe mitberücksichtigen muss und daher nicht sich wünschbar entwickeln kann. Der Pirat stört damit nicht nur den Verkauf sondern auch den Kauf von musikindustriellen Produkten. Genauso ist es mit YouTube in Deutschland. Der Markt muss sich mit diesem Partner abfinden, seine Modelle entsprechend ausrichten, im Zweifel bis zur Rechtsverfolgung. Und das vergiftet das Klima, wenngleich natürlich viele dadurch einen momentanen Vorteil erwirken (sie können alle mögliche Musik immer ziemlich sofort hören).

Beispiel Airplay: Nach Konrad von Löhneysens Vortrag bei der Veranstaltung ist es beispielsweise so, dass die Independents gut ein Drittel des Marktes im Bereich Musikkonserve ausmachen (CD bis Stream). Schaut man sich jedoch den Airplay an, so sinkt die dort verbreitete Musik auf weniger als 8 Prozent des Einsatzes. Und das bei den öffentlich-rechtlichen Sendern. Wie kann das sein? Und wenn dann noch Sender, die dieser Musik sich besonders verpflichtet fühlen wie Funkhaus Europa auf Kurs getrimmt werden, wird der Musikmarkt noch schiefer. Und ungerecht.

Und reden wollen wir nicht auch noch von dem ganzen Unfug, der an Musik auf den Markt gelangt. Da verzerren die Unternehmen den Markt von sich aus, in dem sie mit aller Macht Produkte platzieren, deren synthetischen Unsinn man doch sofort heraushört.

Wenn man ganz präzise hinhörte, konnte man unter dem Begriff des niederschwelligen Zugangs zur Musik fast heraushören, dass man den Gedanken einer Musikflatrate vor einiger Zeit doch dummerweise bekämpft hatte. Er nennt es hier „niederschwelligen Zugang“.

Sein Vorstoß in dieser Richtung blieb allerdings ohne Folgen. Niemand nahm den Faden auf.