September 28, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Entdeckungsreisen ans Ende der Kunst

Dieser Text hing seit November am Haken. Im Prinzip geht es dabei um den schönen Schein der Lebensillusionen. Früher nannte man es die rosarote Brille, druch die man sich die Welt schönsieht. Das Internet potentiert diese Illusionen, die Tellerwäscher-Zum-Millionär-Illusion, die des Heldseins-Für-Minuten. Und es scheint auch so verführerisch wie Lottospielen. Ein Spielautomat für wenige Erfolgreiche zu denen man immer auch potentiell schließlich gehören will.

Nachdem ich diesen Eintrag gesehen hatte:

Das Leben, deine Zukunft.
Das Leben, deine Zukunft.

war mir sofort klar: Irgend etwas stimmt nicht mehr. Ich kann den Satz „Veröffentliche deine Musik weltweit und werde entdeckt“ einfach nicht verstehen. Das mustergültige Versprechen, dass damit gegeben wird ist komplett sinnfrei. „Stell dich nackt auf die Straße und werde nass“. Nein: Das große Ding von heute ist also das Entdecktwerden, genau das Gegenteil des Ziels all derjenigen, die nicht entdeckt werden wollen. Weil man vielleicht was zu verbergen hat, oder so.

Kunst muss heute entdeckt werden, man zielt darauf ab, das Geheimnis zu lüften und es dienstbar zu machen, damit man von möglichst vielen entdeckt werden kann. Entdeckungsreisen in die Kunst. Das ist alles schön, aber es ist kleingeistig.

„Das Teuflische an der Kunst im Neoliberalismus ist, dass sie zugleich Machtmittel in den Händen der neuen Täterklasse und Trostpflaster für die verlierende Mittelschicht sein soll. Und ab und an gar, als soziale Plastik, noch weiter nach unten, zu den Verlierern und Prekarianern reichen soll. Je fixer ihre ökonomischen, desto vager werden ihre sozialen Orte. Und noch einmal erkennen wir das doppelte Verschwinden der Kunst: als Fetisch nach oben und als Gespenst nach unten.“ (Metz/Seeßen: Kunst frisst Geld Geld frisst Kunst, Berlin 2014, S. 444.

Zum Kleingeistigen zurück: Die Verwaltung durchwirkt ja alles mittlerweile. Es werden die Kunstorte gepflegt und kuratiert, betreut und ausgestattet, mal mehr mal weniger. Während einigermaßen große Institutionen wie auf Dauerrente sind, müssen die kleineren immerfort ihr Existenzrecht in Zuwendung umwandeln. Die Rente ist heute aber auch nicht mehr sicher. Und statt etwas aus der privilegierte Situation zu machen und die Bühne zum Experimentierfeld zu nutzen, sehen sich diese Institutionen, voran der Rundfunk in der Pflicht, zu bedienen. Der Dienst an der Masse ist die Pflichtaufgabe für den Beschenkten. Sonst missfällt es dem Kleinbürger. Der ist von seinem Discounter nur hohe Qualität gewohnt. So dann auch in der Kunst.

Traurig.

In der mittleren Ebene dagegen herrscht hektische Getriebe um dieses „Entdecktwerden“. Die Filme aus Donaueschingen machen das leider nur sehr deutlich, um ein Beispiel zu nennen. Es geht um kalkuliertes Versagen. Wer dabei schon nicht mehr mittut, dem unterstellt man dann seine Zugehörigkeit zum Establishment – das geht ja gar nicht. Die Anforderungen an einen Komponisten heute sind aber schon seitens der kompositorischen Verfasstheit immens. Alles soll man können können und mehr als beherrschen. Aber wenigstens dies. Beherrscht man dies, beherrscht man aber auch mal schnell das Falsch. Beherrscht man alles, beherrscht einen die Anforderung. Der musikalische Kleinbürger geht in Jackett und Turnschuhen, trägt Hut und Cordhosen.

Die Kunst hängt nicht Haken, sie steckt nicht im Gehäuse, sagen Metz und Seeßlen. Es sei eher wie in einem Labyrinth bei dem man nach Fluchtwegen suchen müsse. Und dann zählen sie die Linien auf, wie man der Kunst entkommt, um dann als Kunst höherer Ordnung zu erscheinen. Die Flucht aus dem einen Labyrinth führt nur in ein nächstes. Weswegen es ja auch nichts bringt.

Man müsste natürlich zuerst aus dem Spielfeld aussteigen, seine Existenz (kritisch) ignorieren. Denn seine Existenz verdankt sich nur der Tatsache, dass alle es akzeptieren und wie auch immer zähneknirschend hinnehmen. Nur, wo stünde man dann. Ganz alleine auf einer vielleicht sogar schiefen Ebene. Und die muss man sich auch erst mal leisten können. Das traurige Spiel ist schon sehr alt. In den 50er Jahren hat Alfred Andersch schonungslos die Situation so beschrieben.

„Kultur ist heute [1956!] als Gegenstand staatlicher Verwaltung und Erzeugnis der nach ihr benannten Industrien das Anti-Künstlerische schlechthin; ist als Etat, terminiertes Programm, Tagung, ‚Gespräch‘, Spielplan, paritätisch fixiertes Ausstellungswesen, Organisation von Akademien und Festspielen, Selbstkontrolle, ‚Förderung‘ und Erziehung nichts anderes als ein totaler Versuch, den Strahlungskern der Kunst und des schöpferischen Denkens einzuzäunen und unschädlich zu machen.“ Alfred Andersch: Die Blindheit des Kunstwerks, in: ders.: Die Blindheit des Kunstwerks, Zürich 1979, S. 49. [Original 1956]

Wo immer man aber an den Stellschrauben drehen will, dreht man auch am Kunstmarkt. An ihm ist alles orientiert, er gibt vor, was sich durchsetzen lässt. Er bestimmt Preis und Wert – auch über den politischen.

Ich mache es kurz: Er ist das Übel. Und er wird uns nicht den Gefallen tun, sich zu kritisch zu reformieren. Im Moment sind die Bewegungen in der Kunstproduktion aber genau gegenläufig: Sie sind darauf angelegt, an diese Kunstmärkte anzudocken, statt an ihre Kunst und ihre Adressaten selbst. Das ist Tun, blinde, taube und letztlich dumme Arbeit.

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