Oktober 1, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Freischütz: Ästhetische Rechnungsleger schlagen Rat

Die CDU hat ein Personalproblem. Mindestens in Hannover. Dort fühlte sich der kulturpolitische Sprecher der CDU-Ratsfraktion herausgefordert, sich zur aktuellen Freischütz-Produktion des Staatstheaters Hannover zu äußern. Er war nicht gerade begeistert. In einer Pressemitteilung äußerte sich Dr. Kiamann (Studienschwerpunkt Rechnungslegung) unter anderem so:

„Aber dass das German Trash Theatre nun offenbar mit dem ‚Freischütz‘ auch die Schulen in Hannover erreicht, ist in höchstem Maße befremdlich!“ [Pressemeldung der CDU als PDF]

Erreicht sie dann aber eben doch nicht, weil die Aufführung erst ab 16 Jahren freigegeben ist. Was ihm dann auch auffällt und missfällt. Der staatliche Bildungsauftrag sei nicht erfüllt. In der Tat, schrieb ja schon Protagoras: „Der Lehrplan ist das Maß aller Dinge, der seienden, dass sie sind, der nichtseienden, dass sie nicht sind.“

Besonders bemerkenswert, aber wenig überraschend, ist für Dr. Kiaman, „dass erst kurzfristig vor der Premiere auffällt, was dem Publikum eigentlich zugemutet werden soll. Eindrucksvoller kann man die totale Ahnungslosigkeit und Gleichgültigkeit eines ganzen Hauses gar nicht darstellen; fatal ist nur, dass sich diese gänzlich gegen all die Schülerinnen und Schüler richtet, für die der Freischütz auf dem Lehrplan steht und die ihn jetzt altersbedingt nicht sehen können. Das ist auch eine Herabwürdigung des Engagements der zuständigen Lehrerinnen und Lehrer, die sich zu Recht veralbert fühlen dürfen“, führt Kiaman weiter aus. [Pressemeldung der CDU als PDF]

Was denn nun: Erreicht es die Schüler und Schülerinnen, oder nicht? Muss also jede Theateraufführung jetzt jugendfrei gestaltet werden? Siehe auch „Jugendliche gehören nicht ins Theater“, hier im Sperrsitz.

Die Hannover-Dekonstruktion

Das wäre so der pädagogische Anteil der Pressemitteilung. Darüberhinaus fühlt sich Dr. Kiamann aber auch zu einer ästhetischen Einordnung verpflichtet. Und die ist besonders interessant:

Die Jugend lernt wichtige Werke nur noch in verstellter Form oder, aufgrund von Altersbeschränkung, gar nicht mehr kennen: „Das ist ein unsäglicher Kulturverlust zu Gunsten vermeintlich wichtiger Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogener Kontextualisierung und offenbar sensationsgetriebener Einmaleffekte“, konstatiert Dr. Kiaman… [Pressemeldung der CDU als PDF]

Vermeintlich wichtige Dekonstruktion, angeblich gegenwartsbezogene Kontextualisierung? Hallo? Der Stadtrat ist überfordert und wirft ein paar aus dem Feuilleton aufgeschappte Vokabeln in den Raum. Nicht alles, was eine Lesart ist, ist eine Dekonstruktion. Das nehme ich dem Derrida wirklich übel, obwohl er nichts dafür kann. Dekonstruktion wird offensichtlich mit Demontage oder so etwas verwechselt – übrigens nicht nur hier: Wenn einem nichts einfällt, geht Dekonstruktion immer, denn niemand weiß so recht, was damit gemeint sein dürfte. Und ob dann dieses „Argument“ zieht, müsste man auch erst einmal konkret nachweisen. Die gegenwartsbezogene Kontextualisierung ist auch nur „angeblich“. Worin das Misslingen bestehen soll, das verschweigt Dr. Kiamann. Wie hätten Sie es denn gerne: Kaspar, Räuber, Krokodil, Polizei? Münchhausen? Bleiben Sie doch beim Werk, Herr Dr. Kiamann.

Oper dagegen, das machen seine Ausführung gleich zu Beginn der Pressemeldung deutlich, hat vor allem Glanz zu verstrahlen.

„Man hat sich in Hannover ja leider daran gewöhnt, dass die Staatsoper unserer Landeshauptstadt seit der Ära Puhlmann, mit Ausnahme von zwei Ballabenden pro Jahr, völlig frei von jeglichem Glanz ist“ … [Pressemeldung der CDU als PDF]

Ballaballa

Ballabende, und Dr. Kiamann meint damit nicht seinen Fussballverein Hannover 96, bringen Glanz in die Stadt, sind jugendfrei und vor allem frei von Jugend. Oder stehen die auch auf dem Lehrplan. Sind sie das, was Dr. Kiamann unter Wertevermittlung versteht. Sicher ist das nicht. So empfiehlt er dem zuständigen Kulturdezernenten

„in seiner Funktion als Aufsichtsratsmitglied der Oper dringend, in diesem Sinne dort durchzugreifen und bei aller Freiheit für die Kunst dafür Sorge zu tragen, dass die Schätze, die uns Dichter und Komponisten hinterlassen haben, lebendig bleiben und nicht ins Niveaulose und Beliebige gezogen werden. Sonst braucht er weder besondere Formate und ab 2019 auch keine neue Intendanz suchen, sondern kann die Oper ganz zuschließen!“ [Pressemeldung der CDU als PDF]

Schätze heben, sonst zumachen. Die Freiheit der Kunst hat eben ihre Grenzen. Mit der ästhetischen Prämisse dürfte so ziemlich allen Theatern in Deutschland der Schließungstod drohen. Dr. Kiamann will das nicht als Zensur verstanden wissen. Ja nee, ist klar. Es ist nur eine politisch-edukativer Eingriff. Reißen Sie das Staatstheater ab, bauen Sie ein Barocktheater mit Kerzenlicht. Lassen Sie uns den Duft der „Alten Zeit“ neu beleben. Wir haben es gerne feudal-demokratisch, oder? Immerhin hat uns Dr. Kiamann den Verweis auf das „gesunde Volksempfinden“ erspart. Das sollte man ihm zugutehalten.

Am deutschen Rechnungslegungswesen soll die Welt genesen. Das Staatstheater Hannover gehört in Freischützhaft.

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6 Kommentare

  1. Ich lese das ganz anders: Dr Kiamann kritisiert das übliche ‚Regietheater‘ und will die Werke mit Respekt für ihre originelle Absichten aufgeführt wissen. Darin hat er ganz recht. Es ist intellektuell unfair, Kritik an Regietheater als bieder oder konservativ dar zu stellen.

    1. Es ist schon erstaunlich, dass man die Äußerungen von Dr. Kiamann noch toppen kann mit Banalität und Phrasen. Diese Ehre gebührt Ihnen, Herr Borstlap. Darauf können Sie sich was einbilden! Ich gratuliere und verneige mich vor Ihnen in intellektueller Demut.

      1. Sehen Sie nicht, wie primitiv und kindisch – teenager stuff – Ihre Reaktion ist? Die Zeit des Modernismus (Regietheater, mit ‚Verfremdung‘ usw) im Theater hat schon längst ihren völlig altmodisch-zeitgebundenen Charakter gezeigt – alsob wir noch immer in der Nachkriegsmisere leben: sechziger Jahren. Ihre Beschreibung von Dr Kiamann’s Meinung lest sich wie ein Barrikadenschrei der achtundsechziger, und demonstriert die damalige selbsthass Deutscher Jugend. Warum die eigene, überlieferte Kultur verachten, in diesen Zeiten wo gerade die Kultur unter Druck steht? Warum bellen gegen Feinde die es gar nicht mehr gibt? Nein, Herr Huffner, ihre Aeusserungen verraten ein Bildungsloch und Konformismus…. Schade!

        1. Ich hatte ein wenig überlegt, ob ich auf ihren unüberlegten, leeren Kommentar antworten will. Weil man ehrt ja jemanden auch noch durch Aufmerksamkeit. Zur Sache trägt ihr Kommentar nichts bei. Auch der neue nicht. Wie ein Stier rennen sie in das rote Tuch und die x-beliebig auftretende Vokabel „Regietheater“ hinein. Es ist eigentlich lächerlich. Und jetzt kommen die nächsten Plattitüden auf den Plan: 68er, Selbsthass. Ihr „schade“ können Sie sich sparen, es ist nicht ernst gemeint und genauso die letzte der Hülsen.
          Es ist nicht mal traurig, das zu sehen, Herr Borstlap, es ärgert mich auch nicht mehr. Und deswegen muss ich Ihnen auch keinen Rat erteilen, den SIe immer parat haben in grob(ß)väterlicher Art. Ich lasse Ihnen Ihren langen Bart. Die Worte fallen letztlich auf Sie zurück – und das ist gut so.

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