Oktober 1, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Der Klang der Münze, der Duft des Bratens

Gestern bei einer spontanen Lektüre dann diesen Abschnitt in Michel Serres‘ Der Parasit gefunden. Das hat mich erinnert an die alte Diskussion über die Materie des Urheberrechts in der Musik. Also über den Begriff des „Geistigen Eigentums“. Das dann gegenüber dem „materiellen“ steht. Serres erzählt also diese Geschichte.

„Ein Landstreicher fand sich eines schönen Abends fast verhungert am Küchenfenster eines renommierten Restaurants. Die Düfte, die daraus hervordrangen, waren köstlich. Er sog sie ein: das dämpfte den Schmerz des Hungers ein wenig. Ein Koch bemerkte dieses Treiben, schoß heraus und forderte Bezahlung für solchen ‚Dienst‘. Beinahe wäre es zwischen beiden zu Handgreiflichkeiten wegen besagter Forderung gekommen, da trat ein Dritter herzu und erbot sich, zwischen beiden zu schlichten. Gib mir ein Geldstück, sagte er. Der Elende gibt ihm stirnrunzelnd eine Münze. Der legt sie auf das Steinpflaster und bringt sie mit der Hacke seines Schuhs ein wenig zum Klingen. Dies Geräusch, sagt er endlich, ist die Bezahlung für den Duft der leckeren Speisen. Der Braten ist ein Ding, das man verspeist, und er duftet. Die Münze ist ein Ding, mit dem man tauscht, und sie klingt. Wenn die Münze den Braten wert ist, so wird der Klang der Münze wohl den Duft des Bratens wert sein. Sprach’s und reichte dem Wanderer das Geldstück zurück. Die Gerechtigkeit war wieder hergestellt.“ [Michel Serres: Der Parasit, Frankfurt am Main 1987, S. 57 f.]

Das stelle ich einfach mal in den Raum. Die Passage in Serres Text ist doch einigermaßen zu komplex, um sie zu simpel durch andere Gedanken zu substituieren.

Die Sache mit dem Flaschengeist ist weiterhin schwierig. Der Urheberrecht im Zeitalter der Immaterialität wird nicht einfacher. Übermorgen verhandelt der BGH wegen „Haftung eines Access-Providers für Urheberrechtsverletzungen Dritter“. Die Entscheidung dürfte weitreichende Folgen haben. So oder so. Meine Vermutung, es wird nichts entschieden. Sondern entweder weiterverwiesen an europäische Gerichte oder zu Vorinstanz, die dann irgendwas berücksichtigen muss.