September 26, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Verlogene Differenzierung

Über die Wahl Kirill Petrenkos auf den Posten des Chefdirigenten bei den Berliner Philharmonikern ist ja schon viel geschrieben worden. Aber auch einiges, sagen wir mal höflich, Eigenartiges. Manuel Brug in der WELT nachdem er eigentlich ganz akkurat die Sache anleuchtete:

„Kirill Petrenko, interessanterweise neben Daniel Barenboim und Ivan Fischer der dritte Jude auf einem Berliner Chefsessel, bringt, wie das auch Thielemann getan hätte, eine dominante Mutter mit in die Beziehung. Aber sonst ist ihm, was viele erleichtert hat, nichts Zwischenmenschliches mehr fremd. Wovon mindestens eine der diesjährigen Bayreuth-Sängerinnen berichten könnte.“

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Dass die Tatsache, dass jemand Jude sei neben anderen, ein besonders erwähnenswertes Faktum sei, ist schlechterdings nicht nachvollziehbar, es sei denn, damit soll ein Subtext geschrieben werden. Den auszumalen, überlasse ich den geneigten Lesern und Leserinnen. Denn Petrenko ist interessanterweise auch der vierte, fünfte Mann auf einem Berliner Chefsessel, der erste mit Bart oder manchmal dann der sechste ohne Bart. Also: Was will uns Brug damit wohl mitteilen? Ein Faktum! Aber warum eben? Nichts genaues hat man gesagt, nur ein „interessantes“ (inwiefern denn interessant?) Faktum angezeigt.

Ebenso mit dem absolut interessanten Hinweis, dass Petrenko eine dominante Mutter habe. Vielleicht hat er sogar ein Schwester, die mal GAME-Boy gespielt hat, oder bei Ebay Staubsaugerbeutel ersteigert hat?

Und dass ihm „nichts Zwischenmenschliches mehr fremd“ sei, soll worauf anspielen? Dass er mehrfach ungesättigtes Fettsäuren vorzieht? Dass er heimlich in der Nase bohrt und einmal auf einer öffentlichen Toilette gepupst hat? Oder das Streuen eines Gerüchts, ohne nur klar zu werden dabei.

Man kann dann schon nur zu gut verstehen, wenn Leute wie Petrenko den Kontakt mit der Presse scheuen.

Es passt sehr gut in den Zusammenhang, wenn da bei der Pressekonferenz der Berliner Philharmoniker gefragt wurde, warum man keinen Deutschen als Nachfolger von Bülows gewählt habe.

Ja, wo sind wir denn? Im Ressentiment-Keller der Verrückten?

„Der dem deutschen Wesen fremde Bim-Bam-Gong.“ 1933.

PS: Nachtrag 13:37

Brug hat seinen Text modifiziert oder modifizieren lassen. Jetzt ist zu lesen:

„Kirill Petrenko, interessanter- wie erfreulicherweise siebzig Jahre nach dem brauen [sic!] Rassenspuk neben Daniel Barenboim und Ivan Fischer der dritte Jude auf einem Berliner Chefsessel, …“ [Hervorhebung von mir, MH]

Das entschärft das Problem wenigstens etwas, obwohl weiterhin der Umstand, dass hier jemand Jude ist, nach wie vor keine hilfreiche Information ist. Dadurch wird so wenig die Vergangenheit geheilt noch ist, aller Wahrscheinlichkeit und Lebenserfahrung nach, diese Eigenschaft für die Wahl zum Chef der Berliner Philharmoniker ausschlaggebend gewesen. Erfreulich wäre, wenn man über so etwas nicht eigens reden müsste.

 

28 Kommentare

      1. Inzwischen ist der Artikel eingekürzt und mit einer Entschuldigung der Programmchefin von NDR Kultur versehen worden.

        Der stehengebliebene Rest zeigt allerdings weiter sehr deutlich das Problem, aus dem z.B. auch Petrenko offensichtlich seine bekannte Konsequenz (keine Interviews mehr) gezogen hat. Leider dürfte die – natürlich notwendige – Diskussion um den schrägen Vergleich dieses generellere Problem eher noch weiter zukleistern.

  1. Was Herr Brug schreibt ist zweifellos merkwürdig. Aber es ist mehr als unredlich – und grenzt an Verfälschung – ein Zitat so zu kürzen, dass es plumper klingt als es ist, nur damit man sich leichter darauf einschiessen kann.

    Brugs Bezugnahme auf jüdische Dirigenten klingt weit weniger merkwürdig, wenn er dazu schreibt: „siebzig Jahre nach dem brauen Rassenspuk“. Das haben Sie einfach weggelassen – einzig mit Zweck, Herrn Brug noch lächerlicher aussehen zu lassen als ohnehin schon.

    Jeder Journalistenschüler lernt, dass so etwas nicht geht.

    1. Hallo Sebastian, da muss man wohl etwas ausholen. Denn bis vor wenigen Minuten stand dergleichen noch nicht im Text.

      Siehe auch hier. Screenshot Die WELT

      Was soll jetzt also jeder Journalistenschüler lernen. Er kann nur lernen, dass man Texte im Netz ändern kann. Und wie in diesem Fall, ohne darauf eigens hinzuweisen. Entschuldigen Sie also, wenn ich den Text von Brug zu früh gelesen habe (wo er ja schon mehrere Stunden so stand wie zitiert).

      Edit: Ich habe also nichts weggelassen, sondern Brug hat etwas hinzugefügt.

      1. Und zwar, wie nicht zu übersehen, in aller Eile.

        Wäre wirklich mal interessant, was der Anstoß dieser Bearbeitung (die natürlich auch jemand anderes im Hause Axel Springer vorgenommen haben könnte) war. Womöglich eben dieser Blogartikel hier?

        Falls der tatsächlich ganz erschrocken gesehen und sogleich gehandelt wurde: Dann war es schon einigermaßen doof, sich mit dieser halbgewalkten Editierung auch noch weiter reinzureiten.

  2. Wer ist dieser Sebastian, dass er sich anmaßt, journalistisch einwandfreies Tun arrogant in Frage zu stellen? Ich nehme mal stark an, das ist einer von heute. Denn heute glaubt ja wirklich jeder, zu Allem und Jedem seine Meinung kundtun zu müssen. Besser wäre, er würde erst einmal mit gründlicher Recherche anfangen, bevor seine dürftige Tinte lässt. Aber das lernen Journalistenschüler heute nicht mehr. Im übrigen kann ich Martin Hufner nur Recht geben, was Brug da von sich gibt, ist ist der offensichtliche Versuch, mit allen Mitteln Stimmung gegen Kirill Petrenko zu machen. Und wenn’s halt keine Tatsachen gibt, dann werden wenigstens unappetitliche Gerüchte in die Welt (sic!) gesetzt. Solche Vorgehensweisen hatten wir schon mal…

  3. wenn dort gestanden hätte „er ist der xte mit einer ___ frau“ (bitte beliebiges adjektiv einsetzen), wäre das vermutlich nicht der aufregung wert egwesen (obwohl, wer sich aufregen will, der findet auch was).
    es bedarf schon extrem eingeschränkter sicht oder böswilligkeit, um aus der alleinigen erwähnung „jude“ schon bösen willen zu konstruieren.

    und vielleicht barucht es auch mehr als ignoranz und rückenmarksreflexe, um in der kombination aus „jude“ und „dominanter mutter“ die anspielung zu finden.

    aber gegen „alles, was nicht in mein weltbild passt, ist böse“ ist kein kraut gewachsen — solche leute finden immer was …

  4. Wie soll man sagen, da versucht ein Schreiberling Der Welt mit allen Mitteln den Mann zu diffamieren. Und das geht am Leichtesten, in dem man Vorurteile bedient. Am besten noch solche, die von den Lesern gerne aufgenommen werden.

    Mich hätte gewundert, wenn das braune Gesocks bei Der Welt mal nicht darauf hinweist, dass jemand in irgendeiner Form Nicht-(nach-Welt-Maßstäben)-Deutscher ist.

  5. Wer ist dieser Peter Gollong? Ich nehme mal stark an, das ist einer von gestern. Denn gestern glaubte ja jeder die Meinung anderer hochnäsig lächerlich machen zu müssen, wenn sie nicht der eigenen entspricht. Besser wäre, er würde erst einmal gründlich nachdenken, bevor seine dürftige Tinte lässt. Aber das lernten die Journalistenschüler damals nicht.

    Im Übrigen vermute ich mal, dass der Screenshot oben auch erst später nachgeschben wurde.

    1. Da erkennen Sie eben nicht den Unterschied zwischen Form und Inhalt. Der Screenshot verändert nichts am Gesagten, sondern bestätigt nur das Zitierte, nachdem der Vorwurf im Raum stand, ich würde Inhalte durch Auslassungen mehr oder minder (ver-)fälschen. Nichts für ungut, StoiBär.

      1. Vielleicht war zu dem Zeitpunkt, als dieser Sebastian dem Link zur Welt folgte, in dem Bericht von Herrn Krug nicht dieses Zitat zu finden. Sprich es stand hier eine Behauptung, die auf dem verlinkten Beitrag nicht zu finden war. Von daher hat der Screenshot eine elementare Bedeutung und der Kommentar von Sebastian durchaus eine Berechtigung.

        Aber egal: Schlimm fand ich eigentlich nur die Wortwahl von Herrn Gollong.

        1. Ich spreche niemandem hier das Recht zum Kommentar ab. Wenn er aber gespickt ist mit Vorhalten, die vor allem mit all den Folgerungen nicht stimmen, dürfte es doch wohl erlaubt sein, den Kommentierenden auf die Sachlage hinzuweisen. Das von mir gewählte Zitat entspricht den Tatsachen. Wenn später Änderungen von Brug oder jemand anderem gemacht wurden, ist es ein anderer Text geworden. Dafür hat Sebastian den Begriff „mehr als unredlich“ gewählt und jeder Journalistenschüler wisse, dass das nicht geht. Auch wenn das aus seiner Position heraus so ausschauen muss, ist eben doch falsch: Weil das Zitat zum Zeitpunkt des Zitierens korrekt war und auch bleibt.
          Ich finde es einigermaßen verwunderlich, wenn einem dann auch noch mit formalistischen Gründen, daraus ein Strick gedreht wird, dass man demjenigen die Information mitgibt, die er offenbar eben nicht mehr hatte. (Zunächst im Kommentar – und dann, weil das da ja auch nicht jeder liest, auch im Text.) Wo ist das Problem, StoiBär?
          Herr Gollong das das nur als Retourkutsche zurückgegeben, Sebastian hat ihm dafür ja auch eine Vorlage geboten. Von Sebastian habe ich nix mehr gehört. Es ehrt Sie, wenn Sie sich für ihn einsetzen, aber vielleicht kann er das selbst auch ganz gut. Bei Facebook hat sich ein entsprechender Kommentator wenigstens für seine Vorwürfe entschuldigt. Darauf kommt es mir hier aber nicht an. Wenn Sie jetzt meinen, Sie müssen daraus eine „Sache“ machen, okay? Die Leser hier vor Ort werden sich ihren eigenen Reim drauf machen. Da ist mir nicht bange.

  6. Man sollte es wohl nicht überbewerten, sondern als Ausdruck der meines Erachten seit langem offen zutage liegenden fehlenden journalistischen Qualifikation Manuel Brugs werten. Seine Texte changieren regelmäßig zwischen schillerndem Tratsch, wichtigtuerischem Geraune, nicht immer gelingenden sexuellen Subtexten und allzu häufig gockelhafter Selbstbespiegelung, von permanenten Tipp- und Rechtschreibfehlern mal nicht zu reden. Reflexionsschleifen zwischen Schreiben und Veröffentlichen sind bei ihm selten. Es wimmelt in der WELT nur so vor peinlichen und allzu peinlichen Texten von ihm. Für mich immer wieder ein Ärgernis ersten Ranges.

  7. Danke für den Artikel!

    Dieser eine Satz zeigt sehr deutlich, abgesehen von den unzähligen anderen Ergüssen aus dem Hause Axel Springer, welch Geistes Kinder dort schreiben. Für das 21. Jahrhundert schon ein wenig beschämend, wie sehr man doch noch auf solche Nichtigkeiten fixiert ist.

    Interessanterweise…

  8. Außerdem ist „brau(n)er Massenspuk“ der übliche Euphemismus. Das war kein Spuk (Erscheinung, Gespenst), das war Realität, die von der breiten Masse des deutschen und österreichischen Volkes gewollt und unterstützt wurde, bis zum letzten Blutstropfen (eigener und vor allem fremder Völker und Rassen).

  9. Da fehlt jetzt eigentlich nur noch ein nachgeschobener Schwurbeltext mit folgenden Stichworten: Wenn, missverstanden, Gefühle, Absicht.

    Zusatzpunkte für Andeutungen in Richtung unterdrückte Meinungsfreiheit.

    Feuilleton kann so widerlich sein, man muss nur wollen, nicht wahr.

  10. „Dass die Tatsache, dass jemand Jude sei neben anderen, ein besonders erwähnenswertes Faktum sei, ist schlechterdings nicht nachvollziehbar, es sei denn, damit soll ein Subtext geschrieben werden. Den auszumalen, überlasse ich den geneigten Lesern und Leserinnen.“

    „[E]s sei denn“ – so etwas nennt man wohl Insinuation.
    Und wieso muss jemand sich zwanghaft etwas ausmalen, nur weil erwähnt wird, dass Petrenko Jude ist? Diese Hysterie der Deutschen werde ich, obwohl ich schon über 50 Jahre hier lebe, nie begreifen. Wenn sie nur das Wort Jude hören, zucken sie entweder vor Angst zusammen oder verbeugen sich so, als hätten sie ihre Kontaktlinsen verloren. Grotesk. Benähmen Amerikaner sich so wie die Deutschen, müssten sie nach ihren Holocausts an Japanern, Koreanern, Vietnamesen, Kambodschanern, Laoten, etc. am besten für den Rest ihres Lebens im Bett bleiben. Aber das sind ja alles nur Schlitzaugen, da sind die Opfer nicht wichtig. So ist auch der Rassismus gegen Ostasiaten in Deutschland immer noch sehr en vogue. Wann kommt eigentlich wieder das nächste Titelbild des Spiegel mit: „Die gelbe Gefahr!“? Da wird aber von Hufner was zu hören sein? Genau: Das sich auszumalen, überlasse ich den bösartigen Lesern.

    1. Machen Sie es sich nur bequem, Herr Brunel. Leider bestätigt mich ihr Kommentar nur darin, an der richtigen Stelle nachgebohrt zu haben. Sie müssen die nachgeschobene „Korrektur“ von Brug als gar zu fürchterlich empfinden.

  11. Absolut, lieber Martin Hufner: Wenn Herr Brunel das Zitat nachträglich geändert hat, nehme ich alles zurück. Es wundert mich, dass das nicht gekennzeichnet wurde – auch das ist eigentlich längst journalistischer Standard. Das muss ihm (oder dem Verlag) recht peinlich gewesen sein.

    1. Das denke ich mir doch. Ich wollte Ihnen auch nix vorwerfen. Sie hatten eine andere Kenntnis und durften auch nicht erwarten, dass bei Brug was geändert worden ist. Ich kann Ihre Reaktion absolut nachvollziehen und hätte wohl genau wie Sie reagiert. (Aber ohne Journalistenschule …).

  12. Gratuliere zu diesem Text. Bin durch Bünings Kommentar in der FAZ hier gelandet.

    Gut, dass Sie sensibel genug für diese Untertöne waren, um die Problematik offen zu legen. Danke, und weiter so! Werde jetzt öfter hier schauen…

    1. Leider sind die Aussichten gar nicht so gut. In mehreren Organen des Springer-Verlags wird, dann aber weniger verdächtig, herausgestrichen, dass es sich um einen Juden handelt oder er jüdisch sei.

      Er ist der erste Russe, und der erste Dirigent jüdischer Abstammung, der zum Chef der Berliner Philharmoniker gewählt wurde. [Norman Lebrecht bei Bild.de und der B.Z.]

      Und auch, wenn Petrenko es in seiner Verschlossenheit so nie sagen würde, er wird der erste jüdische Chefdirigent in der mehr als 130-jährigen Geschichte der Berliner Philharmoniker sein. [Volker Blech in der Morgenpost]

      Warum machen gerade die Berliner Ausgaben des Springer-Konzerns darauf aufmerksam. Ich kann mich nicht erinnern, dass dies jemals ein Thema gewesen ist bei Daniel Barenboim oder Eliahu Inbal oder Ivan Fischer. Deshalb denke ich schon, es handelt sich um mehr als einen Zufall.

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