November 29, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Doppelt gemoppelt – Der Statistikfetisch – Horizontarmut – VAN

Am Ende des Jahres kommen die News der Theater im Tagestakt. Da übertrumpft man sich mit Auslastungszahlen, Besucherrekorden und ähnlichem. Denn Zahlen sind wichtig. Sie sind Kennzahlen für den Erfolg der Institution. Das Quotenrennen ist irrsinnig, dient aber vor allem der Legitimation der Tragfähigkeit angesichts sinkender Kulturetats. Man ist der Gesellschaft etwas schuldig, nämlich seine Arbeit. Vor allem seine erfolgreiche Arbeit.

In der Berliner Zeitung hat sich Birgit Walter einmal so eine Erfolgsmeldung vorgenommen. Und sie rechnet die Statistik in ihre Richtung. Aus einem Auslastungserfolg wird dann plötzlich ein Desaster: „Die Staatsoper verzeichnet erstmals seit ihrem Umzug ins Schiller-Theater 2010 einen empfindlichen Besucherrückgang.“  Und die Autorin, immerhin puk-Preisträgerin des Deutschen Kulturrats 2004, erwähnt gleich am Anfang das alte Bonmot: „Traue nur der Statistik, die du selbst gefälscht hast“. Den Kultur-Fälschern auf der Spur. Hörthört.

Doch statt hier einen Schlussstrich zu ziehen, zieht Birgit Walter ihre Schlüsse. „Empfindlicher Besucherrückgang!“ Das kann sie schon lange gut, neben der Tatsache ein emotionales Element hinzufügen, das dann genau so wahr sein muss wie die neuen Fakten, die sie vorlegt.(Zur Erinnerung, Birgit Walter beherrscht diese Technik: Vor geraumer Zeit [2012] hatte sie keine Probleme, in einem Gespräch mit einer GEMA-Pressesprecherin einige Dinge auf den Kopf zu stellen und die GEMA-Frau so zu charakterisieren: „ein freundliches Wesen mit einem hinreißend gerollten R, das aber eisenhart und geschickt die irren Vorhaben der Gema verteidigt.“)

Und dann dieses: Die Lunte mit der Fälschung ist gelegt, aber dann geht es ihr mit ihrem Text wie der Staatsoper mit ihrem Besucherrekord. War nicht so gemeint. „Und natürlich geht es nicht ums Fälschen, eher um kreatives Täuschen, um Anordnung von Fakten zu neuen Höhen.“ Wird nun gefäscht oder getäuscht, vor allem aber was: Die Statistik? Die ist auch für Frau Walter doch die gleiche. Wo sie ansetzt, ist vielmehr die Interpretation eines solchen Zahlenwerks.

Zahlenjammer

Nun darauf muss man jetzt nicht insistieren. Eher stimmt, wer sich in die Zahlen begibt, wird darin umkommen. Wie war das noch mit der Quotenfixiertheit der Medien, insbesondere der öffentlich-rechtlichen. Da geht es um Stellen hinterm Komma. Überhaupt geht es dabei gar nicht darum, was denn da inhaltlich geleistet wird. Oder eben auch nicht. Birgit Walter dagegen bringt die Komische Oper gegen die Staatsoper in Stellung, die verkaufe sich nicht so gut, obwohl sie noch bessere Ergebnisse seit dem Intendantenwechsel vorweisen könne. Warum muss man das machen, kann man nicht eine Erfolgsmeldung neben der anderen stehen lassen? Wen betrügt die Staatsoper Berlin denn mit ihrer Meldung? Die Komische Oper, die Leser, die Besucher oder nur die Autorin? Das war wohl dann eher nichts.

Die Frage ist doch eher, warum müssen diese Vergleiche denn überhaupt sein, niemand hat etwas davon. Eine Ahnung davon hat Walthers Kollegin Volker Hagedorn in der ZEIT mit seinem Text „Hört doch endlich auf zu jammern“:

Wer Beweise sammelt, hat erst recht verloren, der begibt sich nämlich in die Legitimierungsdruckkammer. Dort muss die Klassik erklären, warum sie klasse ist, nötig und begehrt und jeden Cent wert, da rechtfertigt sich die Ruhrtriennale für ihre 80 Prozent Subvention mit Umwegrentabilität und den Steuerleistungen der Mitarbeiter und Anzeigenäquivalenzwerten, und kein Mensch spricht mehr von Horizonten. Dort erklären Psychologen, dass Beschallung mit Mozart die Babys schlauer macht, und Wirtschaftsexperten, warum Kultur als Standortfaktor taugt. Dort legt sich der Hypochonder namens Klassikbranche lang und zählt ergeben seine Symptome. [Quelle: Die ZEIT]

Hagedorn empfiehlt das Magazin „Van“ als Kur. Neue Formen des Musikjournalismus findet er dort, er erlebt die Gründes des Magazin als Menschen, die Klassik so „rebellisch finden, wie Pop mal war.“

VAN

Kann man machen. VAN! VAN?

VAN will Leitmedium für klassische Musik werden – mit Qualitätsjournalismus in frischem Design und ausschließlich für digitale Endgeräte.
Multimediale Inhalte in verschiedenen Formaten – humorvoll und tiefgründig, direkt und intelligent – machen das Lesen zum Erlebnis. [Quelle: http://www.rm-crowdfunding.de/project2.php]

Wenn man doch dran vernünftig nippen könnte, am Qualitätsjournalismus. Beim Versuch, das Magazin durch Crowdfunding zu finanzieren und auf zugänglich vernünftige Beine zu stellen, stehen einige Hürden im Weg. Die Projektpräsentation (PDF) verheißt den Finanzierern ab 2016 in die Gewinnzone zu kommen. Doch in der ersten Runde wurde noch nicht genug Geld eingesammelt (es kamen um die 25% zusammen), die Verlängerung der Finanzierungsrunde läuft gerade bis zum 31.1.2015 – und es tut sich leider kaum etwas zum Besseren. Trauen sich die Fans dann doch nicht ran? Ist es die richtige Idee zu falschen Zeitpunkt? Oder trägt das Konzept inhaltlich dann doch nicht weit genug. Kann man sich ja nicht vorstellen, bei all den Lorbeeren, die es schon eingeheimst hat.

Das wiederum begreifen alle zusammen nicht. Der Klassik-Markt ist nicht beherrschbar. Auf ihm regieren Freundchen Zufall und Freundchen Vitamin B in ausgedehntem Maße. Der Klassik-Markt ist strukturell chaotisch. Auch die höchste Qualität garantiert gar nichts. Bei VAN scheint man dies auch bemerkt zu haben. Ab März soll VAN monatlich erscheinen und nicht mehr so umfangreich sein, ferner will man sich von den App-Stores von Apple und Google befreien (die ja immerhin sonst mit 30% fleißig mitverdienen). Das ist „Learning by Doing“ –  wahrscheinlich teuer genug erkauft. Meine Prognose: Irgendwann bald wird ein großer Finanzierer einsteigen.

PS

PS: So, jetzt habe ich mich aber total verzettelt. Achso, ja, die Moral: Wer sich in die Zahlen begibt, wird darin umkommen, vor allem, wenn er sie interpretiert. Alles ist Zahl ist so etwas von Antike.

PPS: In Sachen Jammer. Auf Facebook hat Barbara Volkwein darauf hingewiesen, dass Hagedorns Text doch einiges unberücksichtigt lässt. Ihrem Argument kann man sich nicht verschließen. Sie schreibt:

„Immer mehr Kulturschaffende und künstlerisch unter Vertrag genommene helfen Dank ihrer untertariflichen Lohne auch Geld zu sparen, damit die Klassik weiter läuft. Viele Musiker gehen ehrenamtlich in Schulen und geben etwas von ihrem Know How dort ab, wo auch gespart wird. Alle geben sich Mühe das Beste zu geben, auch, wenn immer weiter gespart wird. Dass die Menschen und Zuschauer kommen, ist das Eine – dort besteht kaum Grund zu klagen, dass sich die Arbeitsbedingungen zunehmend verschlechtern, da besteht schon Anlass zur Sorge, finde ich.“ [Quelle: Facebook-Kommentar]

Ein Kommentar

  1. Wer sich mal mit quantitativer Sozialforschung und Auswertung beschäftigt hat, weiß, dass es nicht so einfach ist von „Fälschung“ zu sprechen.
    Die angeblich so klaren „Daten und Fakten“ lassen oft einfach viel Interpretationsspielraum, sind jeweils vor dem Hintergrund ihrer Erhebung zu sehen (geschlosssene Fragen, falsche Auswahlmöglichkeiten, systematische Antworttendenzen und und und) und schauen je nach Aufbereitung und Darstellung unterschiedlich aus.
    Aber „Laien“ können natürlich mit wissenschaftlichen Texten oft wenig anfangen und Medienleute wollen gerne eine „griffige“ Überschrift statt vermeintlich unklaren Formulierung wie „könnte auf eine Tendenz hinweisen“ etc. Verkürzung heißt oft Verfälschung!
    – die Menschen (gerne Manager etc) die beständig nach Kennzahlen schreien, haben m.E. noch nicht verstanden, dass „die Wahrheit“ bzw die Realität sich nicht so leicht in Form von Fragebögen abfragen und in Statistik abbilden lässt. Nicht ohne Grund gibt es seit einigen Jahrzehnten in der Forschung die Suche nach neuen Forschungsmethoden.

    Mein Credo: Differenzierung! Auch beim „Klassik-Markt“: mir fehlt im ZEIt-Artikel die sog. freie Szene, die auch viel „Klassik“ spielt und oft sehr innovativ ist. In vielen Bereichen sind die Grenzen fließend, Stichwort künstliche E-/U-Trennung, Laien-/Profi-Grenze. Die Welt ist nun mal nicht schwarz – weiß.

Kommentare sind geschlossen.