Emanzipatives Internet oder Auslastung der Demokratie

Musikerin in der Öffentlichkeit. Foto: Hufner

Beim Blick auf das Besondere verliert man aus den Augen, was nebenbei automatisch auch passiert.  Beim Internet und seinen zugehörigen Möglichkeiten, Dinge auf einfache und schnelle Art zu veröffentlichen (im Gegensatz zur Organisation einer Druckmaschine und dem Vertrieb der Erzeugnisse), ist immer der emanzpipative Charakter bei Vertretern der Gegenöffentlichkeit herausgestellt worden.

Jeder kann sagen, was er will. Die Hürden sind schon sehr niedrig. Das Internet demokratisiert irgendwie und irgendwo, Das ist toll. Aber die Euphorie ist nur von kurzer Dauer. Nicht nur der Gegenöffentlichkeit steht das Netz offen, auch der Öffentlichkeit der Macht. Auch sie können das Netz nutzen und dies mit der gleichen Emphase tun. Gleichwohl bleibt das Ungleichgewicht der Macht doch bestehen.

Umgekehrt, die Macht kann viel leichter die Gegenöffentlichkeit infiltrieren. Die Mittel bleiben die Gleichen: Bestechung, Einsatz von Rechtsmitteln. Die Schieflage ist essentiell. So wahr es ist, dass sich kleine Inseln von Glückseligen finden (auch dies war früher so möglich), Diskurse bestimmen sie eher selten, setzten sie wenig in Gang.

Musikerin in der Öffentlichkeit. Foto: Hufner

Musikerin in der Öffentlichkeit. Foto: Hufner

Nur ab und zu, wo, wie man sagt, die Sau durchs Dorf getrieben wird: Guttenbergs „Doktorarbeit“ zum Beispiel. Aber es trifft dann auch eher einfache Ziele. Ziele freilich, die angeboten werden, um von anderen Dingen abzulenken. Auch die mittlerweile etwas erlahmte Petitionswut gehört dazu. [Wie bei vielen Hundetrainern, die predigen, Hunde müssten ausgelastet werden. Genau, um ja nicht zu sich selbst zu finden und zu seiner jeweiligen Rolle in der Welt.]

Auslastung der Öffentlichkeit durch die Mittel, die sie verwenden darf. Das ist in den sogenannten entwickelten Ländern der Fall, in den weniger technikdurchtränkten ist das gleichwohl anders, weswegen dort noch mit Abklemmung gedroht werden kann und gedroht wird resp. Abklemmung betrieben wird. Bei einer aber so durchgesättigten Welt wie hier in Deutschland, kleistert das Netz sich regelmäßig zu. Das Gegenmittel gegen Emanzipation war die Emanzipation der Totale. Erzeugung des weißen Rauschens.

„Statt die Masse in Energie zu verwandeln, produziert die Information immer mehr Masse. Statt, wie sie vorgibt, zu informieren, dass heißt statt Gestalt und Strukturen zu vermitteln, neutralisiert sie das ’soziale Feld‘ in zunehmendem Maße, sie schafft immer mehr träge Masse, die sich gegenüber den klassischen Institutionen des Sozialen, wie auch gegenüber den Inhalten der Information selbst, als undurchlässig erweist.“01)Jean Baudrillard: Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder Das Ende des Sozialen, Berlin 2010, S. 33.

Nicht mit der Gefahr wächst das Rettende, umgekehrt, mit dem Rettenden wächst die Gefahr. Die Neutralisierung durch Verkauf an eine träge Masse. Und deren Trägheit wächst. Man konstruiert diese Masse zur Not von außen, nutzt dabei deren ursprünglich vielleicht ganz emanzipativen Anker. Macht die Dinge zur Mode oder zur Bewegung. Bis zur Ausblutung und Erschlaffung (Fernsehprogramm als Modeseismograph – Talkshows, Soaps, Gerichtsoaps, Kriminal-Hightech, Essenschow, Quizshow).

Es ist ja bei anderen Medien nicht anders. Der Buchdruck hat nicht nur der Vernunft und Aufklärung gedient, sondern auch der Unter- und Einweisung für Untergebene. Technische Schöpfung zieht Erschöpfung nach sich. Das ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Eigentlich wissen das auch alle: Mit anderen Worten: Euphorie über eine Technik kann sie genau so dämonisieren, wie Technikfeindschaft.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Jean Baudrillard: Im Schatten der schweigenden Mehrheiten oder Das Ende des Sozialen, Berlin 2010, S. 33.