Oktober 1, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Kleiderordnung

Neulich geisterte die Meldung durch die Gazetten, dass in Paris eine Musiktheateraufführung abgebrochen wurde, weil in der ersten Reihe, sozusagen direkt hinter dem Dirigenten, eine Person in Burka gesessen haben soll. Was angeblich die Chorsänger irritiert habe und einen süffisanten Kommentar in der WELT zur Folge hatte, dass es sonst auch nicht vorkäme, dass Sänger in Richtung Dirigent schauen würden.

Früher waren es die Jeans oder Turnschuhe, heute sind es also Overalls. Das Publikum, man staune, war derartig abgekocht, dass es kein Problem mit dieser Person äußerte. Vielleicht, ich meine, auf der Bühne, äh, da spielt doch das einzige akzeptable Leben mit Verkleidung und Mord und Totschlag. Aber jetzt mal echt: Dürfen sich jetzt die Akteure ihr Publikum aussuchen? Wäre es da nicht konsequent, das dann selbst mitzubringen und casten zu lassen. Vielleicht auch die Platz der Zuschauer von den Bühnenakteuren bestimmen zu lassen.

Ja gut, lassen wir das bashen, denn in Frankreich ist da eben so. Da darf man sich in der Öffentlichkeit nicht verhüllen, so dass das Gesicht bedeckt ist. Das habe auch nix mit Freiheit und Unfreiheit zu tun, das darf einfach so geregelt werden.

Aber wie weit geht das in der Konsequenz, bzw. was will man damit erreichen. In den nächsten Tagen latschen quer durch die Lande Vermummte zu Halloween. Müssen die Motorradfahrer den Helm jetzt doch abnehmen, weil die fahren ja auch nicht heimlich herum, wie sieht es mit Karneval und Clownerie aus. Ist am Ende ein Makeup nicht auch nichts anderes als eine Vermummung? Binischwohlzudoofzukapieren.

Francisco de Goya y Lucientes: Madrid-Album : »Die Armen! Wie viele würden es eher verdienen!« (1796–1797), Pinsel- und Tuschelavis, auf bläulichem Papier, 23,4 × 14,8 cm, Paris, Privatsammlung
Francisco de Goya y Lucientes: Madrid-Album : »Die Armen! Wie viele würden es eher verdienen!« (1796–1797), Pinsel- und Tuschelavis, auf bläulichem Papier, 23,4 × 14,8 cm, Paris, Privatsammlung

Oder reden wir hier bei der Burka von einem äquivalenten Fall zu den Kapuzen des Ku-Klux-Klans – wohl eher nicht.

Es gab ja mal vor Zeiten, so um 1988, den Fall, dass Karlheinz Stockhausen seine Tochter in Frankfurts Alter Oper nicht weiterspielen lassen wollte, bevor nicht eine bestimmte Kritikerin den Raum verlassen habe.

Es passt irgendwie nicht. Da machen die Werbeabteilungen sich so viel Mühe, den Saal voll besetzt zu bekommen (natürlich die Musiker irgendwo auch durch tolle Leistung), man tut dafür allerlei, und dann bekommt man mit, man ist gar nicht erwünscht. Also mit Burka in Paris offenbar jedenfalls nicht. Aber Bärtchen dürfen die vielleicht doch tragen?

Aber nicht zu viel Oberlippe?

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5 Kommentare

  1. Dieser Feinargumentation muss ich widersprechen. Die Haltung des nach allen Seiten offenen Liberalismus ist zu undifferenziert, um dem Problem gerecht zu werden. Wegen diesem inhaltsleeren Toleranzbegriff ist ja auch die superliberale FDP untergegangen – wen interessiert so ein Wischiwaschi noch? Es ist eben ein fundamentaler und nicht nur ein quantitativer Unterschied zwischen einem Makeup, einem Motorradhelm oder von mir aus einem bunten Hahnenkamm und einer Burka. Die Burka in der westlichen Gesellschaft ist ein politisch-kulturelles Statement und kein Karneval und kein Verkehrsschutz. Zur Verdeutlichung ist immer das Gegenbeispiel nützlich: die Europäerin, die in Riad im Bikini rumläuft. Undenkbar! Wer sich in eine fremde Kultur hineinbegibt, sollte die Prinzipien dieser Kultur respektieren. Alles andere ist Arroganz oder bewusste Provokation mit der Absicht, sich demonstrativ und medienwirksam den Status der unschuldig verfolgten Minderheit zu erwerben. Ein raffiniert ausgetragener Kulturkampf.
    Zu den genannten kulturellen Prinzipien gehört in Frankreich, einem aufgeklärten Land mit den Traditionen von 1989, eben auch das strikte Gebot der Öffentlichkeit des Gesichts, und das wird zum Glück noch durchgesetzt. Das ist anders als in Deutschland, wo man immer noch Angst hat, bei der kleinsten Regung als Nazi an den Pranger gestellt zu werden, und deshalb eine merkwürdige, als Toleranz missverstandene Selbstverleugnung betreibt.
    Aufklärung ist nicht wertfrei, sondern setzt auch im Zusammenleben Spielregeln, die zu beachten sind. Das gilt übrigens auch für die einheimischen verhüllten Radaubrüder. Die nehmen auch die WErte der Aufklärung für sich in Anspruch, haben aber mit Aufklärung so wenig an der Kapuze wie die Frau (oder der Mann?), die/der als Burkagespenst in der Öffentlichkeit rumläuft. Beides ist eine demonstrative Missachtung des Öffentlichkeitsprinzips, das zu den Grundlagen unserer Gesellschaft gehört, und wer so handelt, verdient Misstrauen. Auch die Mafia tarnt sich in der Öffentlichkeit. Deshalb: Burka nein danke.

    PS: Um hier zu posten, heißt es auch: „Name erforderlich“. Verhüllung gilt nicht.

    1. Da kann ich Dir nicht zustimmen, Max. Gewiss gilt, andere Länder, andere Sitten, ob gut oder schlecht, lasse ich mal dahingestellt. Insbesondere in Frankreich ist ja gerade eine wie auch immer benannte religiöse Grundlegung des Verbots der Vermummung nicht erwähnt. Sondern, weil man das nicht soll. Übrigens ja auch noch nicht so lange her, dass dies Verbot eingeführt wurde. Wäre es religiös motiviert, wäre es vermutlich nicht akzeptabel. Die Länder sehen deswegen ja ausgesprochen Ausnahmen vor, sonst ginge es mit dem Helm eben auch nicht.

      Nur das eine ist das Gesetz, das andere, es anzuwenden. Konsequent angewendet hätte es bedeuten müssen, auch noch eine Strafe in Form eine „Buß“-gelds zu verhängen.

      Warum also stört man sich an einer vermummten Person im Publikum? Weil sie vermummt ist. Das ist der einzige Grund, der gelten kann.

      Was man in Riad darf und was nicht, steht nicht in diesem Text und war auch kein Thema. Gerne kannst Du aber einen Aufklärungs- und Kritik-Text dazu vorlegen, den ich hier dann auch veröffentliche.

      Vollkommen widersprechen muss ich Dir aber in Sachen Anonymität. Ich bin da zwar kein Fan von, aber ich kann es sehr wohl verstehen, wenn man mit verdecktem Visier operiert. Auch unsere „aufgeklärte Gesellschaft“ ist längst nicht frei von Gewalt. Denken wir an Verschwiegenheitsgebote bei bestimmten Berufsgruppen. Denken wir an den Informantenschutz … (Aber das spielt für Burka hin oder her auch keine Rolle.)

      Hier ein Link zur Einschätzung in des wissenschaftlichen Dienste des Deutschen Bundestages – zumindest für unseren Raum hier. http://wolfgang-bosbach.de/news/burkaverbot-in-deutschland

  2. Es geht bei dieser Burkageschichte um eine grundsätzliche kulturelle Frage. Entweder ist man dafür oder dagegen, dass solche Vogelscheuchen in unserer Öffentlichkeit herumlaufen und damit unwidersprochen ein Gegenparadigma zu unseren Werten markieren. Ich bin dagegen, Du offenbar nicht. Dann ist die Frage für uns geklärt, und ich möchte nicht weiter über irgendwelche Spitzfindigkeiten debattieren, denn mir fehlt die Zeit. Aber es war aufschlussreich, diese kurze Diskussion zu führen. Danke, dass Du mir geantwortet hast. Herzliche Grüße, Max

  3. Das muss ich noch nachreichen, habe es gerade gelesen:
    http://www.faz.net/aktuell/politik/alice-schwarzer-zum-is-es-begann-im-multikultiviertel-13229501.html?printPagedArticle=true#pageIndex_2
    Der Kernsatz darin: „Doch auch und gerade die Musliminnen haben wir im Stich gelassen, indem wir lieber über das Recht aufs Kopftuch debattieren als über die Menschenrechte für Frauen. Stattdessen sollte die westliche Politik in den bedrohten Ländern besser endlich zu mehr Bildung und Frauenrechten beitragen. Was durchaus möglich wäre – wenn wir nur wollten.“
    Damit ist eigentlich unsere Burka-Duskussion als Glasperlenspiel entlarvt.

    1. Da wäre es aber auch nicht schlecht, mit gutem Beispiel voranzugehen. Vielleicht geht es nicht um Menschenrechte hier, aber um Chnacengleichheit und ähnliches. Ob mit oder ohne Kopftuch.

      PS: Natürlich kann man hier im Blog vollkommen anonym mitlesen … Wie man auch bei Opernbesuchen normalerweise auch nicht seinen Personalausweis oder Führerschein vorlegen muss. 🙂 Die Touristin in Paris wollte ja auch nicht mitsingen oder dirigieren. 🙂

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