September 28, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Massive Revolution in Schland, digital jezze voll gefordert

Die Tickerzeile hatte es in sich:

Bund will mit Milliardenförderung digitale Revolution vorantreiben

Oh, Freude, da kommt ja ein Geldsegen auf die digitale Ausgabe der nmz zu. Denn für Revolution sind wir eigentlich schon, und für eine digitale ebenso, auch wenn wir nicht genau wissen, was die sein soll. So eine Revolution bedeutet ja etwas wie Umwälzung, auch Umsturz. Wir hatten da in unserer jüngeren Vergangenheit „revolutionäre Zellen“ und so Zeug. Der Staat und das Volk liebten sie nicht so sehr. Und nun:

Digitale Revolution?

Soll das Internet umgewälzt werden, dessen Ökonomie, dessen Technologie. Hin zu mehr Transparenz oder mehr Personenschutz? Was ist das eigentlich: Digitale Revolution?

Ich erinnerte mich sofort an Harry Lehmanns Klassiker „Die digitale Revolution der Musik. Eine Musikphilosophie“ (Mainz 2012). Aus der Einleitung (Vorgeschichte) erhoffte ich mir Aufschluss darüber. Vermutlich zu kurz gelesen, Harry Lehmann erklärt nicht, was das spezifische dieser Revolution ausmacht. Natürlich führt er viele technologische Entwicklungen ins Feld, die vieles vom geschichtlichen Wandel erklären, aber was ist das Revolutionäre daran? Ist es eine Revolution, wenn ein Komponist nun seine Stücke selbst am Computer setzen kann? Ist es eine Revolution, wenn man auf Samples zugreifen kann, die fast jedes existierende oder nicht existierende Instrument klonen kann? Oder wenn die Lexika alter Art ins Netz fließen? Jeder Sender von irgendwas sein kann?

Wahrscheinlich bin ich ja nur ein Dummerchen, aber eine Revolution stelle ich mir irgendwie andes vor. Natürlich ist bekannt, dass auch der Begriff der Revolution viele begriffsgeschichtliche Wandlungen erlebt hat.

„Der entschlossene Kampf mit allen Mitteln legaler oder illegaler Art gehört für den neuzeitlichen Berufsrevolutionär zum geplanten Ablauf einer Revolution, und er darf sich all dieser Mittel bedienen, weil für ihn die Revolution legitim ist.“ (Reinhart Koselleck, Vergangene Zukunft. Zur Semantik geschichtlicher Zeiten, Frankfurt/M, 1989, S. 85).

Bleiben wir bei der historischen Analyse, so stellen wir eben fest, dass zum Beispiel mit der Revolution auch die rechtstheoretischen Titel abgeleitet sind. Die Revolution setzt sich absolut. Sie ist nicht hinterfrag- und hintergehbar. Sie macht! Früher waren es da Ideen, die die Geschichte in Gang setzten (und sie sind es heute natürlich auch immer noch, davon zeugen die ganzen unseligen Bürgerkriege auf der Welt). Aber im „Digitalen“?

Es erfüllt gewissermaßen auch diesen Status, nur dass die Technik sich von der Idee gelöst hat und selbst zur Geschichte wird. Dies würde auch erklären, warum der Streit zwischen den digitalen und den nicht-digitalen Komponisten so heftig schwelt. Es geht um Revolution und Konterrevolution in der Neuen Musik. Kaiser (Genie) gegen Diktatur des Proletariats (Algorithmus). Am Ende muss das digitale notwendig seinen Verursacher aber auffressen. Samjatin hat diese Vision in seinem Roman „Wir“ (1920) in Worte gefasst (dazu an anderer Stelle einmal mehr).

Zurück auf Anfang: „Bund will mit Milliardenförderung digitale Revolution vorantreiben“ – man kann das eigentlich nur so lesen, will man grundgesetzkonform bleiben, dass man in schlicht in eine Technologie investieren will, die sowieso macht, was sie will. Kann man das als souveräne Institution aber wollen? Oder hängt man sich damit schlicht ans Rad der Geschichte, was eine Umschreibung sein mag für die „permanente Revolution“? „Wer zu spät kommt, …“