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Zwei Gedanken, ein Ziel? Foto: Hufner

Michel Foucault & Gilles Deleuze – Neugier \ Medien \ Information \ Bildung

Aus der Gegenüberstellung von zwei Passagen von Deleuze und Foucault ein paar Schlüsse ziehen. Gedanken über Vielfalt, Dummheit, Bildung, Information. Das Problem ist nicht das Rauschen, die Vielfalt, sondern die Einfalt und die Leere in der Fähigkeit zu urteilen. Der Entwicklung der menschlichen Urteilskraft steht nicht Masse der Informationen entgegen sondern ein falscher Begriff der Bildung von Menschen. Aufklärung braucht Klärung.

Das Altern der Kommunikation. Erinnerung an einen Absatz Deleuze.

„Die Dummheit war noch nie stumm oder blind. Das Problem besteht nicht darin, die Leute zum Reden zu bringen, sondern ihnen leere Zwischenräume von Einsamkeit und Schweigen zu verschaffen, von wo aus sie endlich etwas zu sagen hätten. Die Mächte der Unterdrückung hindern die Leute nicht am Reden, im Gegenteil: sie zwingen sie dazu. … Zur Zeit erstickt man nicht an Störungen, sondern an Sätzen, die völlig uninteressant sind.“01)Gilles Deleuze, Unterhandlungen 1972-1990, Ffm 1993, S. 188.) – See more at: http://www.kritische-masse.de/blog/…

Das hat einige Jahre zuvor Michel Foucault noch anders ausgelegt:

„Ich träume von einem neuen Zeitalter der Neugier. Die technischen Möglichkeiten dazu haben wir. Der Wunsch ist vorhanden. Es gibt unendlich viel zu wissen. Und die für diese Arbeit nötigen Menschen sind ebenfalls da. Worunter leiden wir? An zu wenig: an zu engen nahezu monopolistischen, unzureichenden Kanälen. Wir brauchen keinen Protektionismus, der ’schlechte‘ Information hinderte, die ‚guten‘ zu überschwemmen und zu erdrücken. Wir müssen vielmehr Wege und Möglichkeiten des Austauschs vermehren. Wir brauchen keinen Colbertismus auf diesem Gebiet. Das bedeutet keineswegs Gleichmacherei und Nivellierung auf niedrigem Niveau, wie oft behauptet wird, sondern Differenzierung und ein Nebeneinander unterschiedlicher Netzwerke.“02)Michel Foucault, Der maskierte Philosoph, in: ders.: Schriften zur Medientheorie, Frankfurt am Main 2013, S. 303 [1980]

Die Angst, überschwemmt zu werden von Kommunikation war bei Foucault keine reale Befürchtung. Er geht davon aus, dass sich aus der Totale der Zusammenhang erschließen würde.

„Wir sollten uns hüten, nur solche Informationskanäle als Medien zu bezeichnen, zu denen wir keinen Zugang haben können oder wollen. Entscheidend ist die Frage, ob wir eine Schutzzone, einen ‚Kulturpark‘ für die gefährdeten Arten unter den Wissenschaftlern einrichten sollen, die von den großen Raubvögeln der Information bedroht werden, während der ganze übrige Raum ein riesiger Markt für Schund wäre. Solch eine Einteilung scheint mir nicht der Realität zu entsprechen. Und vor allem scheint sie mir nicht wünschenswert zu sein.“03)a.a.O.

Das Problem ist dabei, dass Foucault diesen gesamten Raum unter dem Aspekt der gleichen Chancen sieht. Die Chancen bedeuten ja auch gleichmäßig guten Zugang zu Bildung – wie zur Information. In dieser Hinsicht ist die Aufklärung nicht rebellisch genug gewesen.

„Ich sage, die Verbindung der Menschen zur Bildung sollte so dauerhaft und vielfältig wie möglich sein. Es darf nicht auf der einen Seite die Ausbildung geben, die man erfährt, und auf der anderen die Information, der man ausgeliefert ist.“04)ebenda, S. 304

Während man auf der Ebene Verteilung von Informationen wirklich schon eine große Vielfalt entwickelt hat, wie es sich Foucault das wahrscheinlich gar nicht vorstellen konnte, bleibt der Sektor Bildung dahinter komplett zurück – allen fehlerhaften Anstrengungen entgegen. Die Asymmetrie ist zu offensichtlich. Bildung geht nach Karrierechance, nicht nach Bildung der allgemeinen Fähigkeiten in Richtung Urteilskraft. Es wird da auch kein wirklicher Versuch in dieser Richtung unternommen. Die Bildung geht nach Wissen. Aber das Wissen ist etwas, was im großen Maße ja doch keine knappe Ressource ist. Urteilskraft entgegen Wissen ist testresistent und damit nicht im westlichen Schema von Bildungsanstrengungen an einen Ort zu bringen, wo sie sich entfalten ließe. Die Reaktion darauf ist die Entfaltung der Vorkaumentalität, eben der Protektionismus wie sich in Kanonisierung und Bildungsdefinitionen niederschlägt und wie darum auch der beflissene Kulturbürger sein Reich als seligmachend und schützenswert hochrechnet. Die Angst zu verdummen. So begegnet die Unfreiheit der einen Seite mit der Unfreiheit der der Bildungsziele.

Und da kommt dann Deleuze doch wieder ins Spiel. Indem er die Kanäle entleeren will, will aus dem Zyklus durch Vermeiden ausbrechen. Der Platz muss von allen erst einmal geräumt werden, erst dann lässt sich die Behausung so einrichten, dass das nötigen seinen Platz findet. Aufklärung geht erst nach Klärung.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Gilles Deleuze, Unterhandlungen 1972-1990, Ffm 1993, S. 188.) – See more at: http://www.kritische-masse.de/blog/…
02. Michel Foucault, Der maskierte Philosoph, in: ders.: Schriften zur Medientheorie, Frankfurt am Main 2013, S. 303 [1980]
03. a.a.O.
04. ebenda, S. 304