„… sie wittern das Ende.“ [Plessner]

Computer. Foto: Hufner

1924: Helmuth Plessner über Dichten und Denken in der Zeit der „Utopie der Maschine“.

„So um 1860 ist die Masse da, uniform durch die Arbeit, uniform, weil übermüdet, im Genuß. Jenes Publikum, das nicht mehr mitkann, aber kollektiv den Anspruch erhebt, für voll genommen zu werden, zwingt den Dichtern und Denkern eine neuere, gröberer, eindringlichere und stimulierende Sprache ab. Bürgerliche Industriewelt steht gegen vereinsamte Musiker, Maler, Schriftsteller, gegen Bildungswelt; die unpersönliche Unternehmung, tausendfältig verfilzte Masse von Produzenten, Maklern, Abnehmern gegen die einzelnen Kopfwerker, Handwerker, Hüter der Bildung; will Erholung vom Tag, Unterhaltung, Aufrüttelung, das Außergewöhnliche im Leichten und Schweren. Sie bekommt, was sie will: die Illusionsoper mit den blonden Heldentenören und den glutvollen Altstimmen, mit der heroischen Lehre und der hinreißenden Sturmgewalt ihrer Handlung. Sie bekommen ihre Maler, die ihnen sogar die Natur interessant zu machen wissen, Dichter ihrer Probleme, ihrer typischen Skandale, die Philosophen ihrer Resignation und ihrer Selbstglorifizierung.

Zu nächst opponieren die Menschen des Geistes, dann fühlen sie das Verhängnis einer von ihren Maschinen, Erfindungen, Entdeckungen in Fesseln geschlagenen Welt, sie wittern das Ende.“01)Helmuth Plessner: Die Utopie der Maschine, in: ders.: Gesammelte Schriften X, Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Frankfurt/M., 2003, S. 33.

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01. Helmuth Plessner: Die Utopie der Maschine, in: ders.: Gesammelte Schriften X, Schriften zur Soziologie und Sozialphilosophie, Frankfurt/M., 2003, S. 33.