September 28, 2020 Hallo! Hier spricht das Subjekt!

Zeitalter, das unser Leben frikassiert – Friedell 1928

„Im Gegensatz zur späteren Zeit, war die bürgerliche Durchschnittsfrau damals meist tätiger als der Mann, dafür aber an geistigen Dingen fast uninteressiert, während dieser, infolge der vielen freien Zeit, die ihm zur Verfügung stand, allen Fragen der Bildung eine weit höhere Anteilnahme entgegenzubringen vermochte als heutzutage. Und dazu kam noch der relative Mangel an Ablenkungen und Zerstreuungen, an Lärm jeglicher Art, von dem unser ganzes heutiges Dasein bis in die Stunden der Erholung hinein erfüllt ist: keine täglichen Riesenzeitungen und Massenversammlungen, stündlichen Lichtspiele und Hörspiele, viertelstündlichen  Telephonrufe, dringlichen Draht-, Luft- und Radionachrichten, die unser Leben frikassieren. Zum Spintisieren und Phantasieren, zu abstrakter, nach innen gewendeter Tätigkeit wurde der damalige Mensch durch seine ganze Lebensform ebenso aufgefordert, wie er heute daran verhindert wird. Aus diesem Seelenzustande erstand das klassische Zeitalter der deutschen Literatur. Während andere schwitzten und rannten, England sich mit Goldbarren und Pfeffersäcken abkeuchte, Amerika anfing, sich in den öden Riesentrust zu verwandeln, der es heute ist, Frankreich zum Irrenhaus und zur Mördergrube wurde, schlief Deutschland einen ehrlichen, gesunden, erfrischenden Schlaf, aber welche schönen Träume hatte es in diesem Schlaf!“01)Egon Friedell, Aufklärung und Revolution aus: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1961, S. 235 f. (zuerst erschienen 1928).

Jan Toorop: Das Lied der Zeit. 1893, Pastel und Kohle, 32 × 58,5 cm. Otterlo, Rijksmuseum Kröller-Müller
Jan Toorop: Das Lied der Zeit. 1893, Pastel und Kohle, 32 × 58,5 cm. Otterlo, Rijksmuseum Kröller-Müller

Fussnote(n)   [ + ]

01. Egon Friedell, Aufklärung und Revolution aus: Kulturgeschichte der Neuzeit, München 1961, S. 235 f. (zuerst erschienen 1928).