The winner takes it all [Karl Jaspers 1962] | Information und Geld

Information 1962. Foto: Hufner Information 1962. Foto: Hufner

Ab und an ist es einfach rückwirkend erhellend, wie sich früher Autoren Problemen angenommen haben, von denen man meinen könnte, sie beträfen nur die aktuelle Zeit. Karl Jaspers hatte 1962 sich Gedanken darüber gemacht, wie man mit Informationen umzugehen hat. Wem man vertrauen kann und was sie konkret bedeuten. Er klagte:

„Die Überschwemmung durch Zeitungen und Bücher ist nicht zu umgehen, wenn Freiheit der Information sein soll. Man ertrinkt in der Flut, die als Masse von Unwesentlichem das Wesentliche mit hinwegschwemmt. Manche Unberufene schreiben umständlich über belanglose Sachen, schreiben, um zu schreiben. Zeitungen und Zeitschriften müssen ständig in gleichem Umfang gefüllt werden. Um so wichtiger die Namen von Rang und die bescheidenen, redlichen Schriftsteller, die man bis in die letzten Provinzzeitungen finden kann. Wer liest ohne die Kraft schnellen Findens bei diagonaler Durchsicht und wer die Tagespresse nicht schnell erledigt, der wird überfüllt mit einem Ragout von Themen. Er findet sich am Ende in einem Zustand öder Leere. Gewöhnt, gar nicht eigentlich zu lesen, verliert er das eigene Denken, das bei der Sache hält.“01)Karl Jaspers: Werden wir richtig informiert (1962), in: ders.: Lebensfragen der deutschen Politik, München 1963, S. 299 f.

Information 1962. Foto: Hufner Information 1962. Foto: Hufner

Information 1962. Foto: Hufner
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Kommt einem das nicht irgendwie bekannt vor? Unterm Einfluss der neueren Medien mögen sich die Akteure an Anzahl vervielfacht haben, aber das Grundproblem selbst ist offenbar ein altes. Jaspers hatte noch Hoffnung darauf, dass er für den Grad der Informiertheit auch den Informierten selbst mit in die Pflicht nahm.

„Man kann von einem Informationszustand reden, der zum öffentlichen Geist eines Volkes gehört. Nicht nur jeder Informierende, sondern jeder, der sich informieren läßt, ist mit verantwortlich. In der Wechselwirkung von Schriftsteller und Publikum vollzieht sich die Selbsterziehung eines Volkes.“02)Karl Jaspers: ebd., S. 300.

Auch das ist heute nicht anders. Nur die Frage, ob die Informierten selbst noch den Einfluss haben können, an der Selbsterziehung teilzuhaben. Und er sieht auch, dass gegenüber der Selbsterziehung ein anderer Faktor nach vorne drängt und sich davor setzt: Macht, das heißt hier: Geld.

„Aber sind nicht Vorgänge auf ganz anderer Ebene entscheidend? Bestimmen nicht sehr massive Kräfte die faktische Information: die Kapitalgeber der Verlage, die Inserenten und die zahlenden Leser? Was an die Öffentlichkeit gelangt, hängt, direkt oder indirekt, am Geld. Grade darauf lenken die totalitären Regime das Augenmerk und behaupten, daß sie die Presse befreien aus der Abhängigkeit vom Kapitalismus.“03)Karl Jaspers: ebd., S. 300.

Die Lösung ist nicht das totalitäre Regime. Aber es befreit von der Abhängigkeit vom Geld. Ohne Zweifel. Ich denke, mittlerweile ist das transformiert: Das, was Jaspers noch als totalitäres Regime vor Augen hatte (Nationalsozialismus, Stalinismus …) ist heute selbst in die Information gewandert. Die Vielfalt sinkt in dem Maße, in dem man meint, sie vergrößere sich. In Wirklichkeit befinden wir uns in einem Reduktionsprozess von Information. In dem Moment, wo immer weniger Orte sie zu konzentrieren versuchen. The winner takes it all – auch die Information.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Karl Jaspers: Werden wir richtig informiert (1962), in: ders.: Lebensfragen der deutschen Politik, München 1963, S. 299 f.
02. Karl Jaspers: ebd., S. 300.
03. Karl Jaspers: ebd., S. 300.