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Nicht schön. Manifest. Foto: Hufner

Manifeste Geschwätzigkeitsleere [Zum Internet-Manifest von 2009]

In gewissem Sinne fühlt man sich an bestimmte Stellen aus der sozialphilosophischen Literatur erinnert, wenn man sich durch den Strudel der Publikationen im Internet hindurchwühlt. Insbesondere an die „Dialektik der Aufklärung“ mag man da leicht denken können.

„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“01)Band 3: Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1107 (vgl. GS 3, S. 20) http://www.digitale-bibliothek.de/b… 

Und so ähnlich ist es mit dem Wissen. Das verbreite sich jetzt nämlich ungehemmt und in vielen Tönen und Tönungen. Es wird geschrieben wie vielleicht niemals zuvor in der Geschichte, in jedem Fall wird es jedoch in stärkerem Maße veröffentlicht. Informationen prasseln von allen Seiten ein. Von Agenturen, von Privatpersonen, in Büchern, Zeitungen, Zeitschriften, Fensehprogrammen, Blogs, Twitterfeeds und in „sozialen Netzwerken“ – allüberall.

Der Output ist riesig. Aber wo man auch hinschaut, insbesondere bei den Apologeten dieser Entwicklungen, insgeheim scheint man anzunehmen, dass damit auch die Qualität der Information besser würde. Das scheint aber nicht der Fall zu sein, das müssen selbst die lauteren Denker der Web eingestehen.

In ihren Manifesten [Link geht auch nicht mehr, hier im Web-Archiv] und Losungen, in ihren Zukunftsszenarien und wenigen Utopien. Das Soziale der Entwicklung bleibt in fast allen Fällen eine Leerstelle in der Argumentation. Im gegenwärtig im Umlauf befindlichen Internet-Manifest liest man beispielsweise unter Punkt 5: Das Internet ist der Sieg der Information.

„Bisher ordneten, erzwungen durch die unzulängliche Technologie, Institutionen wie Medienhäuser, Forschungsstellen oder öffentliche Einrichtungen die Informationen der Welt. Nun richtet sich jeder Bürger seine individuellen Nachrichtenfilter ein, während Suchmaschinen Informationsmengen in nie gekanntem Umfang erschließen. Der einzelne Mensch kann sich so gut informieren wie nie zuvor.“

Was hat es zum Beispiel mit der unzulänglichen Technologie auf sich. Ist hier unzulänglich als unzugänglich gemeint? Da nun Suchmaschinen das komplizierte Aufsuchen von Inhalten erhöhen können. Sofern a) Suchmaschinen darauf überhaupt zugreifen können? Ist es nicht vielmehr so, dass auch gegenwärtig nur das gefunden werden kann, was für diese neuen Instrumente überhaupt lesbar ist? Existente Informationen, die nicht von Suchmaschinen entdeckt werden, werden auch zukünftig dann dieser Generation von Informationssammlern fremd bleiben. Neue Informationen, das mag stimmen, ergänzen sich zu einem Vielerlei in „nicht gekanntem Umfang“.

Nicht schön. Manifest. Foto: Hufner
Nicht schön. Manifest. Foto: Hufner

Das Vertrauen in diese Technik ist „die“ Grundlage dieses Denkens. Weshalb die Informationen deshalb besser sein sollen, kann  aber auch niemand erklären. Im Gegenteil scheint es auch in dieser neuen Welt problamatisch zu sein, die richtigen Informationen herauszupicken. Fehlinformationen verbreiten sich auf diese Weise ja nicht weniger – sondern, wenn der Blick nicht täuscht, hervorragend.

Der Strudel der Dummheiten wird nicht weniger, bloß weil es diese Technologieentwicklung gibt. Wer versteht denn, wie Suchmaschinen richtig finden. Und wer bedient diese Maschinen?

Information ist kein Allheilmittel. Im Gegenteil sind nicht zwingend stärker informierte Menschen besser informierte Menschen. Es geht um die mechanisch gestrickte Platzierung von Informationen durch bestimmte weitere Techniken. Search Engine Optimization (Optimierung für Suchmaschinen) gehört zu Handwerk, ein an bestimmten Orten plazierter Inhalt ist nolens volens besser zu aufzufinden, als einer an einem selten besuchten Platz. Die Güte, Wahrhafttigkeit oder Richtigkeit der Information berührt das aber herzlich wenig.

Man kennt die Blogs, die nicht so reich an Reichweite sind, deren Gehalt dennoch über vielem anderen steht oder die sogar explizit Suchmaschinen von ihrer Indizierung ausschließen, damit sie nicht im Getümmel der Hype-Infos als bloße andere Schattierung auftauchen. „Wer nicht will, der hat schon,“ könnte man meinen. Genauso gut könnte sich der Buchautor wehren, in eine öffentliche Bibliothek aufgenommen zu werden. Das eine gilt aber nicht umgekehrt für das andere. Alle, die die Besonderheiten des Netzes preisen, sollten das längst wissen.

Suchmaschinen wird einer Objektivität zugetraut, die sie nicht haben. Das würde vielleicht niemand in dieser Weise so zugeben, wenn aber dagegen die Auswahl durch Menschen gleichzeitig als fehlerhaft zugestanden wird, als Akt der Manipulation vielleicht sogar oder der Zensur, so gibt man der Maschine indirekt eben doch recht. Denn die Alternative entzückt nicht.

Und so eilen sie denn von Meeting zu Meeting, von Lichthof zu Lichthof. Und ein neuer Berufsstand feiert das am meisten, der sich aber hinter unklaren Worten und Gesten versteckt: den Managern von Informationen. Auch Kultur ist eine solche Information, die sich nun im Managementwesen anbiedern muss. An Menschen, die nun auf die Übersetzung für das maschinelle Auslesen der Inhalte spezialisiert haben. Das gilt für die alte Welt ebenso wie wie für die neue. Nur fragt sich, wo die Priorität dieses Tuns liegt: bei der Anpassungsarbeit oder bei der Recherche „guter“ Inhalte?

Unvergleichlich schöner formuliert:

„Technik ist das Wesen dieses Wissens. Es zielt nicht auf Begriffe und Bilder, nicht auf das Glück der Einsicht, sondern auf Methode, Ausnutzung der Arbeit anderer, Kapital. Die vielen Dinge, die es nach Bacon noch aufbewahrt, sind selbst wieder nur Instrumente: das Radio als sublimierte Druckerpresse, das Sturzkampfflugzeug als wirksamere Artillerie, die Fernsteuerung als der verläßlichere Kompaß. Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen. Nichts anderes gilt. Rücksichtslos gegen sich selbst hat die Aufklärung noch den letzten Rest ihres eigenen Selbstbewußtseins ausgebrannt.“02)Band 3: Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1105 (vgl. GS 3, S. 19) http://www.digitale-bibliothek.de/b…

Das Manifest will etwas Gutes, aber es führt in die Irre. Was einen aber wundert, ist, dass der Glaube an die Verbesserung der Welt durch die Technik so schrecklich auftrumpft, als habe man den Kern solcher Anschauungen nie gesehen. Vom Denken her scheint es mit dem Web2.0 eher in Richtung Dampfmaschine zurückzugehen, denn das Rad hatte man nicht neu erfinden können. Es rollt weiterhin in die falsche Richtung. Mit jungem Schwung.

Fussnote(n)   [ + ]

01. Band 3: Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1107 (vgl. GS 3, S. 20) http://www.digitale-bibliothek.de/b… 
02. Band 3: Dialektik der Aufklärung: Begriff der Aufklärung. Theodor W. Adorno: Gesammelte Schriften, S. 1105 (vgl. GS 3, S. 19) http://www.digitale-bibliothek.de/b…